Internationaler Impfausweis. Foto: Wikemedia/Lämpel

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Endlich mal eine gute Nachricht: Ich habe meinen Impfausweis wiedergefunden, ohne ihn wirklich gesucht zu haben. Eher beiläufig war er zwischen alten Reisepässen, Sparbüchern und nie genutzten Bonusheften vom Zahnarzt wieder aufgetaucht.

Viele, nein, sehr viele Jahre hatte er vergessen in einer dieser magischen Schubladen gelegen, die man gelegentlich aufzieht und so gar nicht weiß, was einen erwartet, wenn man hineinguckt. Doch plötzlich war es wieder da, das in einem extrem unansehnlichen Gelb gehaltene – oder vergilbte? – Heftchen mit den diversen Aufklebern, verblassten Stempeln und unleserlichen Unterschriften von Ärztinnen und Medizinern, die in der Schule allesamt eine Sechs in Schrift gehabt haben mussten.

Und ja, tatsächlich erinnerte mich der Impfausweis irgendwie auch sofort wieder an die Reclam-Klassiker aus antiken Schulzeiten – Stichwort: Emilia Galotti und Faust – Der Tragödie Erster und Zweiter Teil. Ich dachte darüber nach, was uns diese Signalfarbe wohl sagen soll, ob vielleicht Gefahr in Verzug ist, wenn wir nicht sofort handeln?
Wie dem aber auch immer sei, feiert das gelbe Impfbuch mit dem schönen Titel Internationale Bescheinigungen über Impfungen nun ein doch eher überraschendes Comeback des Analogen im Digitalen – ist sie doch vor allem ein Relikt aus einer unbeschwerten Zeit, in der man alle möglichen verschrumpelten Ausweise mit sich trug, die man unaufgefordert vorzuzeigen hatte.

Beim Durchblättern begann eine kleine Reise durch mein Leben. Stich für Stich sah ich mich in der Tropenabteilung des Bernhard-Nocht-Instituts in St. Pauli sitzen, wo ich mich stets gewissenhaft auf das Abenteuer in fernen Ländern vorbereitete.

Südostasien, 1994: Hepatitis A + B, Cholera, Meningokokken-Meningitis und Typhus – Dengue-Fieber und sogenannte „creeping eruptions“, das sind Würmer, deren Larven sich unter der Haut einnisten und dann vier bis fünf Wochen in Gängen weiterkriechen, hatte ich aber trotzdem bekommen.

Costa Rica, 1995: Hepatitis A + B, Gelbfieber, Typhus. Indien, 2000: Cholera, Hepatitis A + B, Typhus, Japanische Enzephalitis. Angola, 2006: Gelbfieber, Cholera, Polio, Diphtherie, Meningokokken. Plus die bonbongroßen und wöchentlich zu nehmenden Malaria-Tabletten.
Heute frage ich mich, wie ich diesen wilden Impfstoffcocktail überhaupt überleben konnte. Und etwas erleichtert bin ich ja auch, den gelben Lappen wiedergefunden zu haben, da ich ihn ja brauche, um bald wieder zum Friseur gehen zu dürfen.

 

Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

www.lueckundlocke.de

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