Pressesprecher: Fatih Demir vertritt die Ayasofya Camii (türk. für „Moschee“). Foto: pr

Wie meistert die muslimische Ayasofya-Gemeinde die
Corona-Krise? Ein Interview mit Gemeinde-Sprecher Fatih Demir

Ch.v. Savigny, Wilhelmsburg. Vor der Ayasofya-Moschee in der Rotenhäuser Straße weisen große Aufsteller auf die AHA-Regeln hin: Hände desinfizieren, Abstand halten, Mundschutz tragen. Sogar ein offizielles Corona-Testzentrum gibt es neuerdings vor der Tür. Wie an vielen Stellen in Hamburg kann man hier einmal wöchentlich einen kostenlosen Antigen-Abstrich machen lassen.
Im April 2019 ist die türkische Ayasofya-Gemeinde von ihrem alten Standort am Vogelhüttendeich in die Rotenhäuser Straße umgezogen. Der Neubau bietet vor allem deutlich mehr Platz: Bis zu 500 Personen können hier gemeinsam am traditionellen Freitagsgebet teilnehmen. Das heißt, sie konnten – bis im letzten Frühjahr die Corona-Pandemie zuschlug.
Darüber, wie die Gemeinde die Corona-Herausforderungen meistert, sprach das Wochenblatt mit Fatih Demir, dem Sprecher der Ayasofya-Gemeinde.

Wie laufen die Gottesdienste derzeit ab? Welche Regelungen gelten für Sie? Im Grunde gilt das Gleiche wie für andere Gotteshäuser auch: Während der ersten Welle mussten wir komplett dichtmachen. Später, als die Zahlen im letzten Frühjahr runtergingen, lief es eine Zeit lang relativ normal. Mit dem Inkrafttreten der Ausgangssperre in diesem Jahr mussten wir die beiden Abendgebetszeiten streichen. Ersatzweise haben wir Online-Angebote eingerichtet.
Um den Besucherstrom anlässlich des Freitagsgebets zu entzerren, stellen wir praktisch das ganze Haus für den Gottesdienst zur Verfügung, selbst in den Seminarräumen und im Café kann man jetzt beten. Außerdem findet das Ganze zweimal hintereinander statt, da nur noch 200 Besucher zugelassen sind. Die anderen Gebetszeiten sind unproblematisch, denn da kommen höchstens 20 oder 30 Leute.
Ein wichtiger Punkt ist auch, das jeder Besucher namentlich erfasst wird. Wer möchte, kann einen Barcode bekommen, der am Eingang gescannt wird. Die Mehrheit nutzt dieses Angebot. Die Registrierung läuft nicht über das Internet, sondern über einen lokalen Rechner. Alle auflaufenden Daten werden nach einem Monat gelöscht.

In welchem Land man seine Wurzeln hat, spielt meiner Ansicht nach überhaupt keine Rolle
Fatih Demir
Ayasodya Camii

Es wurde berichtet, dass in den Krankenhäusern überdurchschnittlich viele Corona-Patienten mit ausländischen Wurzeln liegen. Was könnte der Grund sein? Werden die Regeln weniger ernst genommen? Werden sie nicht verstanden? Liegt es an der Wohnsituation? Wenn Familien wenig Platz haben und eng zusammenwohnen, dann stecken sie sich natürlich schneller gegenseitig an. Das Gleiche gilt für den Arbeitsweg in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch für den Arbeitsplatz, der keine Möglichkeit für Homeoffice bietet. In welchem Land man seine Wurzeln hat, spielt meiner Ansicht nach überhaupt keine Rolle. Die Regeln werden verstanden, schließlich ist Corona ein internationales Problem. In Hamburg lebt bereits die vierte Generation türkischer Einwanderer – sprachliche Barrieren gibt es da keine mehr.

Viele Moscheegemeinden klagen über Spendenrückgänge, da nicht mehr so viele Besucher kommen dürfen. Die einzige Einnahmequelle fällt damit weg. Besteht das Problem auch bei Ihnen? Anfangs hatten wir massive Einbrüche, da wir einen Großteil unserer Einnahmen über Spenden generieren. Zuschüsse bekommen wir nicht. Eine Online-Spendenaktion hat ein bisschen für Abhilfe gesorgt. Außerdem haben wir an unsere Mitglieder appelliert, die Monatsbeiträge freiwillig aufzustocken. Dieser Bitte sind dankenswerterweise viele nachgekommen.

Wie klappt es mit der Seelsorge in Corona-Zeiten? Haben Sie die Möglichkeit, einzelne Gemeindemitglieder, die aus Sorge vor Ansteckung oder sonstigen Gründen lieber zuhause bleiben, auch dort zu erreichen? Die Seelsorge ist eines unserer wichtigsten Anliegen.Wir haben ein Kontaktteam zusammengestellt, das sich um die Betroffenen kümmert und zum Beispiel Einkaufshilfe anbietet. Da das gemeinsame abendliche Fastenbrechen ganz weggefallen ist (der Ramadan ist vor kurzem zuende gegangen, d. Red.), konnte man sich das Essen von der Moschee abholen oder nach Hause liefern lassen. Für jemanden das Essen zu kochen, kann auch eine Art Seelsorge sein.

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