Einst Konzernmanager, jetzt Geschäftsführer des CaFee mit Herz: Jan Marquardt (59). Foto: Jörg Marwedel

Was Jan Marquardt als Geschäftsführer des CaFee mit Herz erlebt. Von Jörg Marwedel

Seit gut anderthalb Jahren hat Jan Marquardt, 59, einen neuen Job. Er war erfolgreicher Manager für ein amerikanisches Unternehmen, verdiente bestens, reiste um die Welt und sah bei seinen Stippvisiten auf den Kontinenten auch viel Armut. Bis er es satt hatte. Er schlief schlechter, war kurz vor dem Burnout und justierte seinen „inneren Kompass“ neu. Er machte ein Sabbatjahr, arbeitete bei der Bahnhofsmission in Elmshorn und bei der Seemannsmission und stieg aus: Er wurde Geschäftsführer des CaFee mit Herz, für einen Bruchteil seines alten Gehaltes.

„Nicht einmal im Ansatz habe ich das bereut“, sagt Marquardt in seinem kleinen, grauen Büro. Es liegt in der Seewartenstraße 10 im Haus 2 des ehemaligen Hafenkrankenhauses. Das CaFee mit Herz nennt sich „St. Paulis sozialer Hafen“. Es ist für diejenigen da, die kein Zuhause haben und auf der Straße leben. Was er nicht wusste, als er den Job im September 2019 antrat: dass der Corona-Sturm das Land fast lahmlegte.

In der Pandemie wurden aus 1.300 Essen 2.800

Das CaFee mit Herz wurde die einzige Institution in der Stadt, die während der Pandemie niemals geschlossen hatte. Aus 1.500 Essen pro Woche wurden 2.800 für Menschen ohne Obdach. Sie werden „Gäste“ genannt und per Sie angesprochen, denn es geht auch um die Würde der Gestrandeten, die oft durch Schicksalsschläge auf die Bahn nach unten gerieten. Jan Marquardt hat ein Gleichnis aus der Tierwelt parat: „Elefanten“, sagt er, können solche Schläge vielleicht auffangen, „Rehe“, die viel empfindlicher seien, können das nicht. Und manche Menschen sind eher wie Elefanten, manche mehr wie Rehe.

Über die Änderung seines Lebensentwurfs hat Jan Marquardt in dem neuen Buch „Switch“ berichtet, in dem die Journalistin Angela Meyer-Barg zwölf Menschen beschrieben hat, die „ausgestiegen“ sind aus dem alten Trott und ihrem Leben einen anderen Sinn gegeben haben. Im CaFee mit Herz ist genug zu tun. Es gibt Räume für eine medizinische und zahnärztliche Betreuung, es gibt Brillen, eine gut gefüllte Kleiderkammer, Duschen, Waschmaschinen. Auch Bücher sind gefragt, es gibt sogar einen Chor und eine Trommelgruppe, die bald wieder aktiv werden sollen. Und mancher „Gast“ hat hier seine Postanschrift. Dazu betreuen Ehrenamtliche und Sozialarbeiter „Gäste“ in 20 bis 30 Hotelzimmern und sechs Übergangs-Wohnungen.

Auch als Gesprächspartner für unglückliche Lebensläufe ist Jan Marquardt, wie auch seine Kollegen, da. „Da wird man demütig“, sagt er, der in seinem Leben viel Glück gehabt hat. Nur drei bis fünf Prozent, schätzt er, entsprechen dem Klischee eines Obdachlosen, der mit der Gesellschaft abgeschlossen hat.

Kritik muss sich bei ihm dagegen die Kirche gefallen lassen. Die katholische Kirche beschloss ausgerechnet im kalten Januar, die beiden Kältebusse, die besonders bei Minustemperaturen viele Obdachlose retteten, nicht mehr zu betreiben. Das CaFee mit Herz übernahm sie kurzerhand mit den 36 Ehrenamtlern. 13.774 Kilometer fuhr der Bus alleine im vergangenen Winter mit 587 Transporten zu Notunterkünften. Die kirchlichen Einrichtungen, sagt Marquardt, waren wegen Corona „am schnellsten weg und am spätesten wieder da“. Dagegen hätte die schlecht beleumdete Kneipe „Elbschlosskeller“ am Hamburger Berg mit Essensausgaben sehr geholfen. Und auch die Polizeibeamten der Davidwache seien oft wie „Sozialarbeiter in Uniform“ aufgetreten.

Spenden:
Bezahlt wird das CaFee mit Herz allein von Spenden. Eine „bunte Spendenkultur“ nennt Marquardt die Geldgeber. Von der Oma, die fünf Euro abzweigt über Stiftungen und Unternehmen bis zu einer reichen Familie, die plötzlich vorbeischaute und 15 000 Euro abgab. Auch der Schauspieler Bjarne Mädel gehört dazu. Seine Gage, die er kürzlich für einen Auftritt bei „Dittsche“ im Fernsehen kassierte, leitete er an das CaFee mit Herz weiter. >> CaFee mit Herz, Seewartenstraße 10, Tel. 31 79 02 61, cafeemitherz.de

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