Hirtenpfeifen sind modulierbare Pfeifen mit variabler Tonhöhe, mit der Befehle trainiert und an einen Hund übertragen werden. Foto: Wikemedia/thingiverse.com/mrAkuaku

Neues vom Nachbarn –
Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Schubladen können magische Orte sein. Man weiß nie so recht, was einen erwartet, wenn man hineinguckt. Ich bin mir sehr sicher, Sie wissen was ich meine: Manchmal legt man Dinge rein und sieht sie viele Jahre nicht wieder. Manch einer bewahrt dort kleine Schätze auf. Erinnerungen. In anderen herrscht das Chaos. Es häufen sich Gegenstände an, die eigentlich woanders hingehören, die man nie wieder gebrauchen wird, von denen man gar nicht wusste, dass man sie überhaupt noch besaß.

Die Steigerung: Es lassen sich sogar Dinge finden, von denen man nicht mal mehr weiß, was sie eigentlich sind. Und mit jedem Tag, den die Sachen da liegen, verblasst die Erinnerung daran, was man damit eigentlich machen wollte.

Ich habe drei Schubladen in meinem VW-Bus. Und dort hat sich in den letzten Jahren einiges angesammelt. Ganz von selbst, wie es scheint. Auch schöne Dinge: Ein honiggelber Bernstein aus Lettland. Eine vertrocknete Chilischote aus dem Baskenland. Ein dünnes Plastikröhrchen mit einem Gramm Gold aus Nordfinnland, selbst gefunden! Ein Autogramm von Lionel Messi auf einer Busfahrkarte. Das Eintrittsarmband vom Musikfestival 2016 in Roskilde. Eine Anstecknadel der Olympiamannschaft von San Marino. Diverse Fährtickets. Eine sehr dicke, sehr verfilzte Locke meines Hundes Locke. Die Telefonnummer des Weltmeisters im Baumstammwerfen, einem Polen, dem ich in den schottischen Highlands begegnet war. Ein Lavastein von der Kanareninsel La Palma. Eine Ansichtskarte vom Ätna. Eine beachtliche Sammlung Kronkorken – bitte festhalten: 56 Biersorten aus 18 Ländern!

Und eine Hirtenpfeife, die ich bei der schottischen Meisterschaft der Hütehunde gekauft habe. Ich hatte mich sehr gefreut über das seltsam geformte Ding aus Messing und mir vorgestellt, wie ich Locke mit wenigen Pfiffen herumkommandieren würde. Man braucht allerdings eine spezielle Technik mit Mund und Zunge. Bis heute habe ich nicht mehr als ein schwaches Piepsen herausgekriegt. Kein Hund der Welt würde mich hören, aber schön, dass ich die Pfeife in meiner Schublade habe.

 

Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

www.lueckundlocke.de

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