Erster Arbeitsgang, sobald das Schiff im Trockendock liegt: Arbeiter untersuchen den Bug auf Roststellen und Löcher. Foto: cvs

Auf der Jöhnk-Werft werden reparaturbedürftige
Wasserfahrzeuge in Schuss gebracht

Christopher von Savigny, Hamburg-Süd. Klein wie eine Ameise fühlt man sich unter dem gewaltigen Schiffsbauch der „MS Hamburg“. Normalerweise schippert das rund 56 Meter lange Fahrgastschiff der Reederei Abicht Touristen durch den Hamburger Hafen. Doch die „Hamburg“, ein sogenanntes Luxus-Fahrgastschiff mit Küche, Tanzfläche und VIP-Lounge, ist dringend reparaturbedürftig und liegt bei der Jöhnk-Werft auf der Harburger Schloßinsel im Trockendock.
Tonnenschwere, mit dicken Hölzern belegte Betonblöcke stützen das Schiff von unten, damit es sich während der rund vier Wochen dauernden Generalüberholung nicht vom Fleck rührt. Lediglich vier Mann und ein paar Taue hat es gebraucht, um den Ausflugsdampfer im Dock zu zentrieren – im Fachjargon sagt man „palen“ dazu – und an der richtigen Stelle auf das Arbeitsgestell zu setzen. „So was nennt man Maßarbeit“, sagt Paul Stoica, Schiffbauingenieur und Betriebsleiter bei Jöhnk.
Was genau an der „MS Hamburg“ alles gemacht werden muss, wird gerade geklärt. Vermutlich aber stehen ähnliche Reparaturarbeiten wie an der „Concordia“ an: Das Schwesterschiff der „MS Hamburg“ liegt im benachbarten Schwimmdock, gerade werden die letzten Arbeiten an den Schiffsaufbauten durchgeführt.
Zuvor haben Arbeiter das Unterwasserschiff – den unterhalb der Wasserlinie befindlichen Teil des Rumpfes – sandgestrahlt und anschließend vier Lagen Schutzanstrich aufgetragen. Dieser besteht aus zwei Lagen Grundierung, einer Lage Multicoating und – ganz außen – einer Schicht „Antifouling“, die den Algenbewuchs verhindern soll. Ein Ausgleichstank wurde repariert, ein zweiter neu eingebaut. Beide Maschinen haben einen Ölwechsel bekommen, die alte Mastwinde wurde gegen eine neue ausgetauscht.
„Nur noch die Bilge absaugen, dann sind wir fertig“, sagt Stoica. Bilge nennt man den tiefsten Abschnitt des Rumpfes – über die Jahre hinweg sammeln sich hier allerlei Reste wie Öl, Treibstoff und Spritzwasser an. Aus Umweltschutzgründen darf man das „Bilgenwasser“ nicht einfach über Bord pumpen. Auch das gehört zu einer gründlichen Schiffsüberholung, wie sie – in diesem Fall – etwa alle drei Jahre nötig wird.

„Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.“ Im Alter von 60 Jahren hat Rudolf Sommerfeld (heute 75) beruflich nochmal einen draufgesattelt und ist Werftbesitzer geworden.

Über abenteuerlich schmale Stege und Gangways führt der Weg kreuz und quer über das Gelände der Jöhnk-Werft. Schwere Stiefel, Helm und Schutzkleidung sind hier nicht verkehrt, denn an einigen Stellen kann man leicht stolpern oder sich den Kopf anschlagen. Ganz plötzlich geht es mal steil hinunter in den Rumpf eines Schiffes, ein paar Meter weiter sieht man sich unmittelbar dem Funkenregen eines Schweißgeräts gegenüber.
Rund 15 Mitarbeiter – Schiffbauer, Schweißer, Mechaniker, Rohrschlosser, Tischler, Maler, Elektriker, Dreher und Ingenieure – kümmern sich bei Jöhnk um die Instandsetzung von Binnenschiffen, „Kümos“ (Küstenmotorschiffen) und kleinen Containerschiffen. Sie reparieren Motoren, schweißen Schiffshäute aneinander, bringen die Elektrik in Schuss, streichen und konservieren. Und sie übernehmen Klassifikationsuntersuchungen für Wasserfahrzeuge aller Art – im Straßenverkehr würde man dazu wohl „TÜV“ sagen.
2006 kaufte der Buxtehuder Reeder Rudolf Sommerfeld den damals 75 Jahre alten Traditionsbetrieb, der zu Beginn des neuen Jahrtausends in die Pleite gerutscht war. Wie das Unternehmen sich derart verschulden konnte, versteht der 75-Jährige bis heute nicht. „In der Schiffahrt ist eigentlich immer was zu tun“, sagt der rüstige Werftbesitzer, der in seiner Heimatstadt parallel ein Binnenschiffahrtskontor unterhält.
Auch jetzt, während der Corona-Pandemie, sind seine 25 Frachtschiffe täglich auf Elbe, Weser, Ruhr und Mittellandkanal unterwegs, um Getreide, Kohle, Container, Futtermittel, Fahrzeug- oder auch Flugzeugteile von A nach B zu transportieren. Mit seinem zweiten beruflichen Standbein hat sich Sommerfeld einen Lebenstraum erfüllt, sagt er. Ob ihm die Doppelbelastung in seinem Alter nicht langsam zu anstrengend werde? „Nee“, sagt er trocken. „Sonst hätte ich mir das nicht ausgesucht. Oder sehe ich vielleicht schon gebrechlich aus?“

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