Til Mette in seinem Atelier in Bahrenfeld. Foto: Jörg Marwedel

Von Jörg Marwedel. Eine Mutter kommt in das Zimmer ihres Sohnes und verkündet: „Der Lockdown ist vorbei.“ Der Sohn, in der einen Hand eine Getränkedose, in der anderen sein Smartphone, antwortet nur: „Was für´n Lockdown?“ Das ist einer von mehr als 100 Cartoons aus dem neuen Buch „Die grosse Freiheit – Cartoons für nach Corona“. Es ist das dritte Buch innerhalb eines Jahres, das die besten Zeichner der Stadt unter dem Begriff „Der Hamburger Strich“ herausgebracht haben, nachdem ihr erstes Buch gerade im Moment des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 herauskam und mit Corona natürlich nichts zu tun hatte.

Und weil das sofort nachgeschobene Werk „Corona-Cartoons aus der Quarantäne“ bestens nachgefragt wurde, haben die Künstler nun auch das Buch für die ersehnte Zeit nach der Pandemie im Blankeneser KJM-Verlag herausgebracht. Einer der bekanntesten von ihnen ist Til Mette, 64, der seit 25 Jahren jede Woche die Leser des “Stern“ zum Lachen bringt. Mette wohnt in Iserbrook, arbeitet aber an zwei Stellen: im digitalen Zeichenstudio zuhause, aber auch in einem Atelier in der Bahrenfelder Ruhrstraße, wo wir uns getroffen haben.

Mette ist gelernter Hamburger, seit er 2006 nach 14 Jahren in New York in die Hansestadt zog. Und das, obwohl er in Bielefeld geboren wurde („Ich habe diese ostwestfälische Dickschädeligkeit und diese bäuerliche Renitenz“), in Bremen Geschichte und Kunst studierte und dort die Bremer Ausgabe der „taz“ mitbegründete und seit seiner Zeit in den USA zwei Pässe besitzt. Aber in Hamburg hat er mit den Kollegen in der Kneipe nicht nur die „Hamburger Sonderschule“ gegründet, in Anlehnung an die „Frankfurter Schule“, aus der Berühmtheiten wie Robert Gernhardt oder F.K Waechter hervorgegangen sind. Er mag auch die Mentalität der Stadt und sagt: „Hamburg ist meine Heimat geworden.“

Was er aber festgestellt hat: in Amerika seien Cartoonisten angesehener als in Deutschland, wo sie „kurz vor dem Witzezeichner angesiedelt sind“. Zudem habe er gemerkt, was für eine „Kulturzerstörung“ die Nazis mit dem Holocaust angerichtet haben. In New York habe er vor allem den jüdischen Witz und die „jüdische Intellektualität“ genossen.

Die Pandemie sei aber nicht die einzige Krise, welche die Cartoonisten inspirierten. „Wer heute 20 Jahre alt ist, hat immer nur Krisenzeiten erlebt“, sagt der Vater zweier Töchter, der am 11. September 2001 „Nine Eleven“ in New York aus der Nähe erlebte. Bankenkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, zählt er auf. 2019 sei für seinen Berufsstand das „Greta-Jahr“ gewesen, weil sie die Person zum Thema Klimakrise war.
Til Mette betrachtet die Welt nicht aus der rechten Ecke. Zu seinen bisher veröffentlichten 30 Büchern zählen Werke wie „Cartoons für links-grün versiffte Gutmenschen“ oder „Cartoons für die moralische Elite mit Bildung, Geld und gutem Geschmack“. Und wer seine Bilder „live“ sehen will, der könnte sich den August vormerken. Dann soll endlich die Ausstellung des „Hamburger Strich“ in der Fabrik der Künste stattfinden.

>> Til Mette: „Die grosse Freiheit – Cartoons für nach Corona“, KJM-Verlag,
118 Seiten, 16 Euro

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