„Das schönste Grundstück im Katenweg“: Jessica und Benjamin Keil (mit Marie, 8, li., und Rosa, 5) müssen vermutlich ausziehen - einen Termin gibt es aber noch nicht. Foto: cvs

Christopher von Savigny, Wilhelmsburg. Henry Wiencken steht vor seinem Haus im Katenweg und deutet auf die Gebäude auf der anderen Straßenseite. „Das kommt alles weg“, sagt er und nickt wie zur Bestätigung. Über 65 Jahre nach ihrer Erbauung scheint es mit der Ruhe in der Eigenheimersiedlung am Katenweg erst einmal vorbei zu sein: Denn nach den neuesten Planungen der DEGES (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) wird der letzte Abschnitt der A26-Ost nun doch in offener Bauweise mit Überdeckelung errichtet – und nicht, wie zuvor geplant, als Tunnel.
Sechs Doppelhäuser müssten dann dem Vorhaben weichen. Das Ehepaar Wiencken ist zwar nicht direkt betroffen, hat aber große Sorge, dass ihr Zuhause den Erschütterungen durch die Baumaschinen nicht standhalten würde. „Während der Probebohrungen kürzlich sind bei uns die Bilder von der Wand gefallen“, berichtet Hildegard Wiencken. „Bei einem Schrank stand die Tür offen, der Inhalt war auf dem Boden verteilt.“ Vor allem wegen der langen Bauzeit (geplante Fertigstellung: nicht vor 2031) macht sich Henry Wiencken Gedanken: „Durch die Schneise werden wir hier regelrecht eingeschlossen“, sagt er. „Unsere Siedlung wird in zwei Teile zerrissen!“

Unsere Siedlung
wird in zwei Teile
zerrissen
Henry Wiencken
Anwohner

Die A26-Ost, früher „Hafenquerspange“, jetzt „Hafenpassage“ genannt, ist rund zehn Kilometer lang und soll die A7 und die A1 in Höhe der Süderelbe miteinander verbinden. Zu Beginn der Planung 2011 wollte die DEGES die neue Autobahn unter der Kornweide entlangführen, doch einige besonders tief sitzende Bahnfundamente machten den Planern offenbar einen Strich durch die Rechnung. Später wurde die Linienführung nach Süden durch den Katenweg verschwenkt, dafür versprach man den Bewohnern eine Untertunnelung. Nun scheint auch diese Variante im Papierkorb gelandet zu sein.
„Uns blutet das Herz“, sagt Anwohner Benjamin Keil, der mit seiner Familie direkt in der „Schneise“ wohnt und sich daher wohl eine neue Bleibe suchen muss. Rund 60.000 Euro haben die Keils innerhalb der letzten Jahren in die Sanierung ihres schmucken Anwesens gesteckt – nun scheint alles umsonst gewesen zu sein. Wieviel Entschädigung er jetzt bekommt? „Wir stecken in Verhandlungen“, erklärt der Familienvater – es klingt ein bisschen so, als hoffe er darauf, am Ende doch bleiben zu können.
Scharfe Kritik an dem Projekt kommt vom Verein „Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg“: Die damalige Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk sei 2011 einer massiven Fehleinschätzung aufgesessen, als sie für die Linienführung unterhalb der Kornweide grünes Licht gab, urteilt Vereinsmitglied Manuel Humburg. Hätte man kritisch nachgefragt, wären einem die heutigen Probleme wohl erspart geblieben. In die gleiche Kerbe schlägt Ortspolitikerin Sonja Lattwesen (Grüne): „Im Rückblick war die Bürgerbeteiligung eine Farce. Den Anwohnern wurde etwas anderes versprochen – da bin ich von der DEGES sehr enttäuscht.“
Erwartungsgemäß sieht der Bauherr das ganz anders: „Schon damals wurde klar, dass einer Tunnelführung innerhalb der Kornweide mehr Häuser zum Opfer fallen würden, als bei einer etwas südlicheren Führung im Verlauf der Südlichen Wilhelmsburger Wettern“, sagt der DEGES-Projektbeauftragte Christian Merl. Nach Untersuchungen des Baugrunds und der Gebäudesubstanz sei man zu dem Schluss gekommen, dass ein Verbleib der Häuser unmittelbar neben der Baugrube unzumutbar erscheine, weil trotz Rücksichtnahme mit erheblichen Bauschäden zu rechnen sei. „Daher sehen wir vor, die sechs betroffenen Doppelhäuser aufzukaufen und abzureißen“, so Merl. Die offene Bauweise begründet die DEGES mit dem morastigen Wilhelmsburger Boden, der einen Bohrtunnel in so geringer Tiefe (rund zehn Meter) nicht zulasse.
Der Bau der „Hafenpassage“ soll etwa 1,85 Milliarden Euro kosten. Noch bis zum 28. Mai können beim Bezirksamt Mitte Einwendungen gegen die Planung erhoben werden. Auf seiner Webseite (www.bund-hamburg.de/a26-stopp) bietet der BUND Hamburg eine Musterstellungnahme an.

A26-Ost
Die knapp zehn Kilometer lange A26-Ost soll eine Verbindung zwischen der A1 und der A7 schaffen. Das Bündnis Verkehrswende, der Verkehrsclub Deutschland und der Nabu lehnen die auch als Hafenquerspange bezeichnete Autobahn vehement ab. Auch in Wilhelmsburg wird über die Notwendigkeit einer A26-Ost sehr kontrovers diskutiert.

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