Urlaubserinnerungen. Foto: Lück

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Über Urlaub zu sprechen ist ja gerade schwierig. Vielleicht ist das der Grund, warum man sich so gerne an vergangene Reisen erinnert. Fast auf den Tag genau vor 25 Jahre machte ich mich auf eine – bis heute – wegweisende Tour.

1996 war das Jahr, in dem Rio Reiser starb. Ein Schaf namens Dolly kam zur Welt. Und ich kaufte mir mein erstes Auto, einen postgelben Bulli, Baujahr 1973. Für 2.670 D-Mark. Ein Freund malte mir noch schwarze Posthörner auf die Türen und zwei Wörter in Großbuchstaben darunter: PEST auf die eine und ROST auf die andere Seite. Vier Tage später ging es los. Ich war freier Journalist und Sportstudent in Kiel. Ich studierte aber nicht wirklich.

Das Reisen funktionierte ganz anders damals – ohne Handy, ohne Navi, komplett ohne Hilfe aus dem Weltraum. Ich glaube, es gab noch nicht mal das Internet. Ich weiß noch, dass ich eine einzige Straßenkarte an Bord hatte. Sie war aus dem Jahr 1979 und winzig: Europa im Maßstab eins zu vier Millionen.

Mit einem dicken Filzstift zeichnete ich alle paar Wochen die Route ein. Und rückblickend hätte ich die Karte nicht wirklich gebraucht, wollte ich doch immer an der Küste entlang. Rechts das Wasser, links das Land und ich irgendwie in der Mitte in Richtung Süden.
Das war der Plan. Ich hätte mich also gar nicht verfahren können: von Hamburg nach Gibraltar, einmal quer durch Spanien, an der französischen Mittelmeerküste entlang, runter nach Rom und zurück nach Norddeutschland.

Und auch wenn diese erste Tour schon nach 85 Tagen und rund 16.000 Kilometern mit Motorschaden am Offenbacher Kreuz endete, war mir damals schnell klar geworden, dass dieser kleine Kontinent um einiges vielfältiger war, als ich immer gedacht hatte. Und dass er als Ziel meiner Reisen auf lange Sicht völlig ausreichen würde.

Bei mir ist es bis heute – 25 Jahre später – der Geruch von frisch gezapftem Diesel, der mich in der Zeit zurückreisen lässt. Kaum bin ich beim Tanken, bin ich im Urlaub. In Gedanken stehe ich an einer Zapfsäule in Nordspanien. Die Sonne scheint. Und ich habe Zeit. Viel Zeit und kein Ziel. Eine gute Mischung!

 

Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

www.lueckundlocke.de

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