Jonas Fiedler, Arzt und Forschungskoordinator der Veddeler Poliklinik, fordert eine bessere Versorgung mit Impfstoff. Foto: pr

Ch.v.Savigny, Veddel. Wer arm ist, wird häufiger krank: Was für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Fettleibigkeit zutrifft, gilt auch für Corona. Nach Recherchen des NDR ist die Veddel von allen 104 Hamburger Stadtteilen im Verhältnis am stärksten von Covid-19 betroffen. Auch Wilhelmsburg gehört zu den am ärgsten gebeutelten Stadtteilen. Aktuelle Stadtteildaten zu bekommen, ist schwierig, da die Gesundheitsbehörde lediglich die Zahlen der einzelnen Bezirke veröffentlicht. Stand 20. April lag die Sieben-Tage-Inzidenz im Bezirk Mitte bei 228, in Harburg bei 193, in Eimsbüttel bei 77.
Die örtliche Poliklinik, die sich seit gut vier Jahren um die gesundheitlichen und sozialen Probleme der Veddeler kümmert, macht die vielfach prekäre Wohn- und Lebenssituation der Elbinsulaner für die Misere verantwortlich. „Die Menschen auf der Veddel leben in beengten Wohnverhältnissen, haben keine Möglichkeit zum Homeoffice und sind auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. All das führt zu einer deutlich stärkeren Exposition“, sagt Sozialarbeiterin Tina Röthig. Nach Auskunft der Poliklinik ist die Wahrscheinlichkeit, sich in bestimmten Stadtteilen mit Covid-19 anzustecken, bis zu sechsmal höher als in anderen Vierteln. Ebenso sei ein schwererer Krankheitsverlauf wahrscheinlicher.
All dies führt dazu, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Häusliche Enge und mangelhafte Computerausrüstung machen das Homeschooling schwieriger, psychosozialer Stress und häusliche Gewalt nehmen zu.

Wochenblatt-Interview mit Jonas Fiedler (Arzt der Poliklinik)
Wie kann man die Pandemie auf der Veddel künftig besser bekämpfen? Woran fehlt es? Das Wochenblatt sprach darüber mit Jonas Fiedler, Arzt und Forschungskoordinator der Veddeler Poliklinik.

Die Veddel als Hotspot: Überrascht Sie das? Wie erleben Sie die Situation jetzt gerade? Wir haben insbesondere die zweite Welle (im Winter, d. Red.) sehr stark mitbekommen. Man spürt, dass mittlerweile eine große Verunsicherung im Stadtteil herrscht, was die Pandemie angeht. Corona ist ein sehr omnipräsentes Thema.

Worauf führen Sie die Zahlen zurück? Die Bewohner haben wenig Möglichkeiten, im Homeoffice zu arbeiten und leben auf engem Raum zusammen. Alles in allem können sie sich nicht adäquat schützen.

Wenn man im Internet nach Testzentren forscht, fällt auf, dass die Veddel hier völlig links liegen gelassen wird. Nächster Anlaufpunkt ist nördlich der Elbbrücken (siehe Beitext). Auch Wilhelmsburg – als flächenmäßig größter Stadtteil Hamburgs – hat nur drei Testzentren. Was sagen Sie dazu? Könnte die Poliklinik nicht selbst Schnelltests anbieten? Die zahlenmäßige Verteilung spiegelt im Grunde die gesamte medizinische Infrastruktur wieder: In ärmeren Stadtteilen ist die Ärztedichte einfach deutlich niedriger, und mit den Testzentren verhält es sich jetzt genauso. Wir selbst können keine Schnelltests durchführen, das würde unsere Kapazitäten weit übersteigen. Wir haben nur die üblichen PCR-Tests im Angebot. Diese kommen zum Einsatz, wenn etwa ein Patient Symptome zeigt oder in Fällen von Quarantäne-Regelungen.

Was muss jetzt geschehen? Wir fordern eine Impfoffensive für die Veddel: Der Stadtteil benötigt zusätzlichen Impfstoff und Personal, um die Ausbreitung in Grenzen halten zu können. Außerdem fordern wir eine Aufhebung der Priorisierung (Impfreihenfolge nach Alter und Gesundheitszustand, d. Red.). Armut an sich ist schon ein Risikofaktor und bedarf deshalb einer Priorität bei der Impfung. Wenn die Leute sehen, dass etwa der Nachbar, der Freund, die Freundin geimpft wird, werden sie hoffentlich ihre Ängste verlieren. So kann der eine zum Vorbild für den nächsten werden.

Wie soll das Ganze funktionieren? Ein Team aus Vertretern der Poliklinik Veddel und der Fachstellen des Amts für Gesundheit könnte für die Konzeption des Impfzentrums und die Koordination vor Ort verantwortlich sein. Die Belieferung mit Impfdosen sollte analog zu anderen Impfzentren in Hamburg erfolgen. Vor Ort wäre eine Container- oder Zeltlösung möglich. Es bräuchte natürlich Infrastruktur von Seiten der Stadt, aber wir könnten bei der Impfkampagne und auch der Durchführung eines temporären Impfzentrums durch unsere gute Vernetzung im Stadtteil entscheidende Unterstützung leisten.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here