Schuh-Kunstwerk, gefunden an einem Strand in Lettland. Foto: Lück

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Heute mal ein Ausflug in die Natur: Auf meinem Schreibtisch steht eine Champagnerflasche. Sie ist aus dickem, braunem Glas. Der Korken steckt noch drauf. Vor Jahren hatte ich sie am Strand gefunden. Ohne Etikett. Leider auch ohne Inhalt. Im Bauch der Flasche schwappt aber noch heute etwas Ostseewasser.

Und von außen ist sie dicht bewachsen und übersät mit seltsamen Dingern, die aussehen wie eine urzeitliche, pickelige Kruste. Diese kleinen, steinharten, kegelförmigen, weißen Gebilde, an denen man sich leicht die Füße aufschneidet, wenn man drauftritt, sind die Anhalter der Meere: Balanus improvisus, die Brackwasser-Seepocke. Sie lebt auch in der Elbe und klebt an allem, was ihr über den Weg schwimmt.

Man könnte sogar meinen, Seepocken sind die langweiligsten Tiere überhaupt. Sie sind wie Gäste, die nicht eingeladen sind, aber trotzdem kommen, und sich wortlos am Büffet bedienen, ohne ein Geschenk dabei zu haben. Sie sind hartnäckig und lästig, machen ihr Leben lang nichts anderes, als mit ihren dünnen Rankenfüßchen das Wasser nach winzigen Meeresorganismen und abgestorbenen Pflanzenteilen zu filtern. Man wird sie nie wieder los.
Einmal, an einem einsamen Strand in Lettland, entdeckte ich einen klobigen, dicht von Seepocken bewachsenen Schuh, Größe 43. Einer der letzten Stürme hatte ihn weit an Land geworfen, bis fast in den Schilfgürtel hinein.

Es war einer dieser ohnehin schon schweren Sicherheitsstiefel, die gerne von Seeleuten oder Arbeitern auf Bohrinseln getragen werden. Mit Stahlkappe, Stahlzwischensohle und besonders hohem Schaft.

Jeden Millimeter hatten die Krebse für sich in Anspruch genommen. Eine Balanus-improvisus-Party aller erster Güte! Der Schuh muss kopfüber im Meer getrieben sein, denn einzig die Sohle war seepockenfrei geblieben. Und: Er war noch immer zweifelsfrei als Schuh zu erkennen. Leider fand ich nur den Rechten. Ein Unikat. Ein Kunstwerk. Falls jemand den Linken zuhause hat, bitte mal melden …

 

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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