Stress im Straßenverkehr bringt viele Menschen auf die Palme. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Neulich bin ich mit dem Auto zu einem Großeinkauf gefahren. Bereits der Weg dorthin wurde zu einem Erlebnis. Schon nach wenigen Minuten ging es um nicht weniger, als ums Überleben im Straßenkampf. Auto um Auto. Zahn um Zahn. Ich sah schimpfende Autofahrer. Ich sah wutrote Gesichter im Rückspiegel. Aus ruhigen, besonnenen Menschen wurden hupende, keifende Monster, die schon bei Tempo 50 kaum noch atmen konnten, so als drücke ihnen die Geschwindigkeitsbegrenzung die Luft ab.

Wer wissen will, wieviel Humor wir Deutschen wirklich vertragen, der braucht sich bloß in ein Auto setzen. Das Gefühl, Recht zu haben und sich im Verkehr über die Fehler anderer aufregen zu müssen, ist nämlich ein typisch deutsches Verhalten. Würden die Aggressionen, die im Straßenverkehr entstehen, als Treibstoff taugen: Die Tanks der Deutschen wären immer voll.

Zurück zum Einkauf: Als ich auf dem Parkplatz des Supermarktes ankam, schrie eine Frau in einem Audi durch das geöffnete Fenster einen Mann in einem Volvo an. Es ging um einen Parkplatz, den beide wollten. Viel zu viele Autos. Viel zu viele Menschen. Viel zu viele verbissene Besserwisser. Der absolute Parkinfarkt. Von allem immer mehr. Und alle überfordert. Im real dann hundert Sorten Joghurt und Kühltruhen soweit das Auge reichte. Ein Suppenhuhn für 1,99 Euro. Einmal hin, alles drin. „Sammeln Sie Treuepunkte?“

Wieder draußen schaltete ich das Autoradio ein. Und dort lief die Hamburger Band Deichkind und lieferte den passenden Soundtrack zu diesem regelmäßig wiederkehrenden Albtraum namens Einkauf: „Wir trinken lieber trocken, anstatt trocken zu feiern, wir geben ihrer Zukunft ein Zuhaus`. Es läuft und läuft und läuft und läuft, wir sind immer eine Idee voraus. Connecting people, born to perform. Dafür stehen wir mit unserem Namen. Klinisch getestet, sie baden gerade ihre Hände drin. Jetzt klappt’s auch mit dem Nachbarn. Wir begleiten dich ein Leben lang, immer volles Programm. Wir woll’n nur an dein Geld ran, war schon immer so, frag mal deine Eltern …“

 

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

 

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