Der stille Mapourika Lake in Neuseeland. Foto: Richard Palmer / Wikimedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Er lebt in Altona. Doch eigentlich passe er dort überhaupt nicht hin, in eine Großstadt, das sagt er selbst. Er sei dort völlig fehl am Platz. Und an manchen Tagen halte er es auch kaum noch aus. Der Lärmpegel strengt ihn zu sehr an. Nicht selten fühlt er sich gehetzt. Wie auf der Flucht. Einige Zeit wohnte er mit seiner Freundin auch mal gegenüber eines Technoclubs. Der Bass ließ die Gläser in den Schränken vibrieren. Leute schmissen Flaschen gegen Wände oder schlugen im Suff Autos kaputt. Viel zu viele Menschen. Viel zu viele Geräusche.

Dabei ist er Geräuschesammler. Und Ornithologe. Er ist ein Mensch, der mit den Ohren sieht. Viel lieber würde er daher draußen auf dem Land sein, wo er sofort in der Natur wäre und beobachten könnte. Viel lieber ist er auf der Greifswalder Oie, einer nahezu unbewohnten Ostseeinsel, wo es keine Autos oder Straßen gibt, wo er Vögel zählen und gleichzeitig abschalten kann. „Das ist wie Meditation“, sagt er, „Urlaub für die Ohren.“ Jedes Jahr verbringt er einige Wochen dort.

Aufnahmen von puren Geräuschen kann er mit seinen hochsensiblen Mikrofonen in weiten Teilen Deutschlands ohnehin nicht mehr machen. Es dröhnt und piept. Es brummt und zischt. Irgendwo grollt immer ein Bagger. Durchgängig sind Grundgeräusche von Autos oder Flugzeugen zu hören. Leben bedeutet Lärm. Doch wie ist eigentlich die Wirkung von Geräuschen? Was spielt eine Rolle bei der Wahrnehmung? Der eine empfindet einen tropfenden Wasserhahn als unangenehm, genießt aber das tosende Rauschen der Nordseewellen. Verkehrsgeräusche werden als störend wahrgenommen, wenn man in der Natur ist, in der Stadt aber gehören sie dazu. Klingelterror. Handygequatsche. Es herrscht Zwangsbeschallung. Körperverletzung durch Krach. Lärmverschmutzung.

„Die Augen kann man schließen“, sagt der Mann aus Altona, „die Ohren nicht. Ich war noch nirgends auf der Welt, wo vollkommene Stille herrschte. Die komplette Lautlosigkeit gibt es gar nicht. Denn je ruhiger es um uns ist, desto lauter wird es in uns.“ Ein schöner Satz, dessen Wirkung sich erst so recht entfaltet, wenn man ihn kommentarlos stehen lässt: Je ruhiger es um uns ist, desto lauter wird es in uns.

 

Oliver Lück. Foto: www.heiderose-gerberding.com

 

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Auch das Buch „Zeit als Ziel“ hat Oliver Lück verfasst. Foto: pr

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa

(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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