Dauerwerbesendungen sollen zum Kaufen animieren. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Neulich Nacht blieb ich bei einem dieser Homeshopping-Sender hängen, einem jener Kanäle, auf denen sterile, bis zur Makellosigkeit gestylte Moderatoren es schaffen, pausenlos zu lächeln und gleichzeitig zu reden. Künstlich glückliche Menschen priesen Produkte an. Sie cremten sich minutenlang die Hände ein oder streichelten über flauschige Pullis. Die ganze Tragik und Komik der Konsumwelt wurden in diesem TV-Studio sichtbar. Man hätte es auch für Satire halten können – aber es war keine.

Die Zielgruppe: unterbeschäftigte Frauen mittleren Alters mit berufstätigem Mann, deren gemeinsame Kinder aus dem Haus sind. Die Botschaft: Kaufen Sie das! Die Shows, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr live übertragen werden, ähneln den Auftritten von Straßenhändlern, die in der Fußgängerzone wundertätige Geräte anbieten, mit denen sich Obst und Gemüse in Windeseile kurz und klein schnippeln lassen. Dazu: Angeblich exklusive Ringe, Ketten und Schuhe, Wende-Blousons, Kochtöpfe, Staubsauger oder Gesichtscremes. Eigentlich alles. Gefangen in der Endlosschleife.

Ein Bekannter hat mal ein Bio-Putzmittel aus Roter Bete entwickelt. Kein Witz, das funktioniert wirklich. Eines Tages fuhr er nach Düsseldorf, um sein Produkt bei einem dieser Kaufen-Kaufen-Kaufen-Kanäle vorzustellen. Es war so eine Art Casting. Der Moderator fragte, mein Bekannter putzte.

„Konzentriertes Saubermachen und gleichzeitiges Reden ist allerdings gar nicht so einfach“, erzählte er mir später. Also engagierte er einen Schauspieler aus Bochum, der die Rolle übernahm, aber nicht putzen konnte. Die Verkaufszahlen, die pro Minute erreicht werden sollten, wurden nicht erreicht. Die Zuschauer von Dauerwerbesendungen sind nicht verrückt nach einem Bio-Putzmittel, sie sind verrückt nach einer Heißluftfritteuse zum Super-Sparpreis von nur 158 Euro und 24 Cent.

Und als ich neulich Nacht schließlich schlafen ging, kamen mir kurz vor dem Bett noch ein paar Zeilen der Hamburger Band Deichkind in den Sinn: „Dinge klopfen nicht an, kommen einfach rein. Dinge sind stumm, verschlingen Summen. Dinge rufen aus dem Wald. Dinge aus Stahl, Dinge kalt. Dinge leben nicht, Dinge tot. Dinge blau, grün, weiß, rot.“

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

 

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