Knicklandschaft in Ostfriesland. Foto: M. Süssen/wikimedia.org

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-
Kolumne von Oliver Lück

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass gerade immer mehr Menschen frische Luft schnappen? Viele Paare. Männer alleine. Frauen alleine. Frauen mit Männern. Männer mit Frauen. Mit oder ohne Kinder. Mit oder ohne Hund. Und viel mehr Familien als sonst sind auch unterwegs, was es ja für gewöhnlich nur zu Weihnachten gibt, dem Fest der Familie, das nun ja auch schon wieder sieben Wochen her ist, aber noch immer nicht vorbei zu sein scheint. Wir erleben zurzeit das längste Weihnachten der Geschichte, was natürlich an Corona liegt.

Es ist wie damals in der Schule: Große Pause. Als habe jemand die Stopptaste gedrückt. So empfinden viele den verordneten Stillstand. Die Vergangenheit scheint sich aufzutürmen, die Zukunft abzunehmen. Und wenn sonst nichts mehr geht, geht der Mensch. Wenn alles verboten ist, macht man das, was man noch machen darf. Und neben dem Einkaufen-Gehen, dem Auf-Toilette-Gehen und dem Schlafen-Gehen, bleibt nur noch das Ziellos-So-Durch-die-Gegend-Gehen, auch „schlendern“ oder „spazieren“ genannt. Bei uns im Norden sagt man auch „latschen“, was den Akt des aktiven Herumirrens meiner Meinung nach am besten beschreibt.

Auch ich gehe viel raus in der letzten Zeit. Zwei- bis dreimal täglich. Niemand hält es noch länger als nötig Zuhause aus. Und an manchen Tagen sind so viele Spaziergänger und -Innen unterwegs, dass das Abstand-Halten eher schwierig wird und der Ausgang zu einem Slalomlauf mit sehr großzügigen Schwüngen wird.

Ein Wintertag in der Feldmark ist momentan so ganz anders als sonst. Er bedeutet vor allem eines: Ausnahmezustand. Menschen auf der Straße. Menschen im Knick. Menschen stehen auf Äckern und gucken irgendwohin, weil sie ja irgendwas tun müssen den lieben langen Tag lang. Dann gehen sie weiter, lauschen dem Geräusch ihrer Schuhe und atmen im Rhythmus ihrer Schritte… Und nein: Der Weg ist ausnahmsweise mal nicht das Ziel, sondern bloß der Weg. Ein einfacher Weg, so ganz ohne Ziel. Ist auch mal ganz gut, oder?

 

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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