Ein kulturelles Kleinod: Stadtarchiv-Leiter Wolfgang Vacano mit den beiden geretteten Fenstern des Kunstglasers Karl Joseph Hölle. Foto: rs

Von Reinhard Schwarz. Es war ein Überraschungsfund: Anwohner entdeckten in der Goetheallee vier bemalte Glasfenster in einem Schuttcontainer. Bauarbeiter hatten sie offenbar bei Renovierungsarbeiten in einem ehemaligen Schulgebäude der Hamburger Handwerkskammer ausgebaut und entsorgt. Dort entstehen die „Goethelofts“. Wolfgang Vacano, Leiter des Altonaer Stadtarchivs ist entsetzt: „So etwas schmeißt man doch nicht einfach weg! Man sieht doch, dass es sich hier um Kunst handelt!“ Zwei der vier Fenster konnte Vacano zusammen mit Praktikanten vor der Zerstörung retten. „Wir haben die beiden Fenster mit einer Sackkarre mühselig ins Archiv verfrachtet.“

Die Treppenhausfenster im Altonaer Museum sind von Karl Hölle

Bei genauer Betrachtung erkannte Vacano, dass es sich hier um zwei Fenster des Altonaer Glasmalers Karl Joseph Hölle (1871-1946) handelt. „Das erkennt man an den Lufteinschließungen im Glas, das Hölle aus den USA importierte: Das war sein Markenzeichen.“ Von den geretteten Fenstern ist der Stadtarchivar begeistert: „Mir gefällt das Glas unendlich gut. Jede Scheibe hat ihre besondere Struktur, das macht die Fenster besonders. Es sind kleine Kunstwerke von hohem kulturellen Wert.“ In die farbigen Fenster hat der Künstler Symbole der Handwerkszünfte eingearbeitet wie etwa einen flammenden Amboss, ein Töpfersymbol oder Zirkel und Hammer.

Hölle besuchte von 1889 bis 1893 die Königliche Kunstgewerbeschule in München und war anschließend von 1893 bis 1900 in der Werkstatt von Georg Hulbe in Hamburg als Zeichner beschäftigt. Buchbinder und Leder-Kunsthandwerker Hulbe (1851-1917) stattete unter anderem den Kaisersaal und den Bürgermeistersaal des Hamburger Rathauses mit Ledertapeten aus und gestaltete das Goldene Buch der Stadt. Am 25. August 1899 legte Hölle in Hamburg den Bürgereid ab und erwarb das Bürgerrecht. 1900 wechselte er in die Werkstatt des Kunstverglasers Karl Engelbrecht (1858-1902). Er war dort zunächst als Prokurist beschäftigt und wurde nach dem Tod Engelbrechts Teilhaber in dessen Firma. 1907 machte Hölle sich in Hamburg mit einem eigenen Geschäft selbstständig und verlegte 1909 seine Werkstatt in das damals noch preußische Altona in der Allee 181, die erst 1975 in Max-Brauer-Allee umbenannt wurde.

Dort widmete sich Hölle ausschließlich der künstlerischen Glasmalerei. So gestaltete er unter anderem die Treppenhausfenster im Altonaer Museum, auch im Bergedorfer Rathaus finden sich Glasarbeiten, die von Hölle gestaltet wurden. 2015 entdeckte Wolfgang Vacano in der ehemaligen Gaststätte „Woodpecker“ in der Max-Brauer-Allee ein von Hölle gestaltetes Fenster mit derben Kneipenmotiven. Was geschieht nun mit den beiden erhalten gebliebenen Arbeiten des Altonaer Glaskünstlers? Geplant sei, die Glasarbeiten in zwei Fensterhöhlen des Stadtarchivs einzuhängen, so Vacano: „Dafür suchen wir noch die passenden Scharniere, zeitlich etwa aus den 1930er Jahren.“

>> Altonaer Stadtarchiv,
Max-Brauer-Allee 134
(über Seiteneingang
Hospitalstraße),
Tel. 50 74 72 24,
E-Mail: kontakt@
altonaer-stadtarchiv.de

www.altonaer-stadtarchiv.com

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