Kritisiert die Fällung der Bäume: Anwohner Roland Bürkel.Foto: Stahlpress

Von Volker Stahl. Alpenrosenweg, Edelweißweg, Goldnesselweg, Feldrosenweg – die Gegend klingt nach Idylle pur. Doch ausgerechnet in Eidelstedts blumigstem Viertel ist ein Streit um gefällte Bäume und gerodete Sträucher entbrannt.

Den meisten Deutschen geht es wohl wie Johann Wolfgang von Goethe – sie lieben Bäume. Mit der „stillen, reinen, leidenslosen Vegetation“ hat der Dichterfürst wie mit Menschen verkehrt, sie spendete ihm in schweren Lebensstunden Erbauung und Trost („Grau ist alle Theorie, und grün ist des Lebens goldener Baum“).

Auch Roland (74) und Ingrid (73) Bürkel aus dem Torfweg in Eidelstedt lieben Bäume, besonders diejenigen, die ihrem Garten gegenüber am Edelweißweg stehen. Deren Anblick sorgt bei ihnen nicht nur für Wohlbefinden – sie bieten in der warmen Jahreszeit auch einen perfekten Sichtschutz vor neugierigen Blicken.

Das Problem: Die von Roland Bürkel so bezeichnete „grüne Wand“ existiert nicht mehr. Fünf Bäume und mehrere Sträucher wurden im Auftrag der Eigentümergemeinschaft abgeholzt. „Die großen Bäume mit einem Durchmesser von 30 bis 50 Zentimeter sind wohl ohne Genehmigung gefällt worden“, vermutet Rentner Bürkel, der extra über den Graben gesprungen war, um nachzumessen.

Die Situation, die die Saga-Siedlung, in der die Bürkels wohnen, von der am Edelweißweg gegenüberliegenden Wohnanlage trennt, ist kompliziert. Zwischen den Grundstücken befindet sich besagter Graben, der dem Vernehmen nach abwechselnd von der Saga und von der Eigentümergemeinschaft gepflegt wird. Für die angrenzende Flora sind die Edelweißweg-Bewohner zuständig. Deren Wohnanlage gehörte einst der Vonovia, die sich nach dem Verkauf der meisten Wohnungen jedoch nicht mehr für die Anlage zuständig fühle, wie eine Eigentümerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, kritisiert: „Obwohl dem Unternehmen noch mehrere Wohnungen gehören, erscheinen die nicht mehr auf den Eigentümerversammlungen.“

Als Ansprechpartner benennt die Eigentümerin den Verwalter ihrer Wohnanlage, die Immobilien-Verwaltungsgesellschaft Gerstel KG. „Aus der Entwicklung der Bäume insgesamt, Höhe Haus Edelweißweg 13 G, wurden aus Gründen der Herstellung der Verkehrssicherheit die Fällarbeiten erforderlich“, beantwortet Gerstel die Frage nach der Notwenigkeit der Maßnahme etwas umständlich. Obwohl der Verwalter die „jeweiligen Stammdurchmesser“ nicht beziffern kann, geht er davon aus, dass die Arbeiten „unseres Wissens nicht genehmigungsbedürftig“ gewesen seien.

Die Geschichte mit der Verkehrssicherheit glaubt Roland Bürkel nicht: „Das ist doch Quatsch. Die Eigentümerin hat mir klipp und klar gesagt, dass der Schnitt erfolgt sei, um Kosten zu sparen. Deshalb habe die Eigentümergemeinschaft die radikale Abholzung beschlossen.“
Die Nachfrage beim Bezirksamt Eimsbüttel ergab, dass am Edelweißweg in den vergangenen Jahren keine Fällgenehmigung erteilt worden ist. „Ja, wir werden überprüfen“, kündigt Bezirkssprecher Kay Becker an. Es lasse sich zwar vermuten, dass die Fällungen ohne behördliche Erlaubnis erfolgt seien, „andererseits ist das Maß des Durchmessers in Bodenhöhe nicht ausschlaggebend für die Notwendigkeit einer Antragslage“.

Info: Hamburg verliert Bäume
Baumfällungen sind ein heikles Thema, das immer wieder zu Nachbarschaftsstreitigkeiten führt. Laut Hamburger Baumschutzverordnung dürfen Obstbäume und Einzelbäume unter 25 Zentimeter Brusthöhendurchmesser (130 Zentimeter über dem Boden gemessen) gefällt werden, „soweit diese nicht durch Einzelanordnungen der Naturschutzbehörde dem Schutz dieser Verordnung unterstellt sind“.

Doch trotz dieses Schutzes werden seit Jahren mehr Bäume abgesägt als nachgepflanzt. Laut einer vom Senat beantworteten Anfrage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Sandro Kappe verlor Hamburg von 2015 bis 2019 insgesamt 10.413 Bäume und 11,7 Hektar Wald. Außerdem wurden 8.867 von 2008 bis 2015 gefällte Straßenbäume nicht durch Nachpflanzungen ersetzt – in Zeiten des Klimawandels eine traurige Bilanz.VS

 

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