Johann aus Rissen sitzt an diesem Tag zum ersten Mal auf einer Kreek. Obwohl sich der Zehnjährige häufig auf die Nase legt, ist er hochzufrieden: „Macht mehr Spaß als Schlittenfahren, weil es viel schneller ist“, sagt er. Foto: cvs

Henris Kufenfahrzeug hat einen Riss abbekommen: Mit viel Schwung ist der junge Mann seitlich in das Metallgeländer gedonnert, das die „Bahn“ von der benachbarten Fußgängertreppe am oberen Ende von Schinckels Park trennt. Henri ist nichts passiert – auch sein hölzernes Gefährt lässt sich mit etwas Geschick wieder reparieren. Viel schwerer wiegt in dem Fall, dass der Reporter – ohne groß nachzudenken – nach dem kaputten „Schlitten“ gefragt hat. „Kreek heißt das“, sagt Henri und verzieht ein bisschen das Gesicht.

Der Stolz der Blankeneser auf das ureigene Kreekfahren – auch „Rüschen“ genannt – ist nicht zu übersehen: Bereits Eltern und Großeltern stürzten sich auf zwei Kufen den steilen Hang am Waseberg hinunter. Seither haben sich die Gefährte nicht groß verändert: Die Grundstruktur besteht aus zwei stabilen und schweren Seitenteilen aus Eschenholz, die obendrauf mit Holzlatten (beispielsweise aus Kiefer) verschraubt werden. Anschließend bekommt die – entsprechend geschliffene – Unterseite Kufen aus Bandeisen verpasst. Gesteuert wird mit einer rund sechs Meter langen Latte (üblicherweise ein entastetes Bäumchen), die der Fahrer hinter sich her zieht. Laute Rufe wie „Wahrschau“ oder „Raum“ sind zu hören, wenn die Kreeken mit Karacho die Wiese im Schinckels Park hinuntersausen – was daran erinnert, dass sich der heutige Freizeitsport einst in Seglerkreisen entwickelt haben muss. Mitfahrer heißen „Vorschoter“, bilden mehrere Fahrer eine (durch ihre Steuerlatten verbundene) Kette, spricht man von „Maschop“.

Bis zu 50 Kreekfahrer tummeln sich bei Frostwetter in Schinckels Park. Ohne Minusgrade geht es nicht, denn Kreeken brauchen unbedingt Eis – ihre niedrige Bauweise macht sie im Tiefschnee praktisch unbrauchbar. Sobald es Nacht wird, kippen deshalb die besonders engagierten Kreekfahrer ein paar Eimer Wasser die Bahn hinunter, damit diese am nächsten Tag noch schneller wird. Der Geschwindigkeitsrekord soll übrigens bei 74 Stundenkilometern liegen, inoffiziell sogar bei 92. „Endlich haben wir wieder einen richtigen Winter“, sagt Jonathan (17), der auf einem 60 bis 70 Jahre alten Kreek-Familienerbstück unterwegs ist. Beim letzten Mal, an das sich Jonathan erinnern kann, war er sieben Jahre alt. „Die Erinnerung daran ist noch ganz frisch und hat bei mir bewirkt, dass ich es unbedingt wieder ausprobieren wollte“, berichtet er.

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