2022 gilt in Deutschland ein Plastiktütenverbot. Dickere Mehrwegtaschen sind vom Verbot ausgenommen, ebenso dünnere Tüten für Obst und Gemüse. Foto: Panthermedia

Bitte erinnern Sie sich mal kurz an das bekannteste unbekannteste Kunstwerk Deutschlands: die Aldi-Tüte. Anfang der Siebzigerjahre hatte das blau-weiße Diagonalmuster ein geometrisch-abstrakt arbeitenden Maler mit dem schönen Namen Günter Fruhtrunk gestaltet.
Dass der Discounter einen Künstler mit der Gestaltung einer Tüte beauftragte, war natürlich kein Zufall gewesen: Die Logos vieler Discounter entstammen noch heute weitgehend der Bildsprache der konkret-konstruktiven Kunst der Siebziger. Ob Aldi, Lidl, Penny oder Ikea – sie alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip: schnörkellos, einfach, in den Grundfarben gehalten und geradeswegs einprägend.

Ach, apropos prägend: Wussten Sie, dass die Plastiktüte dieses Jahr Jubiläum feiert? Vor 60 Jahren wurde die erste Einmaltasche in Deutschland verkauft. Vermutlich im Ruhrpott, der Heimat der Plastiktüte. Aber auch überall sonst brannte sich einem Kind der siebziger, achtziger, neunziger Jahre und danach vor allem eines ein: Die Plastiktüte ist die Lösung für alles. Die Erbsensuppe droht auszulaufen? Schnell ‚ne Tüte rum! Der halbe Grandplatz klebt schon wieder an den Fußballschuhen? Schnell rein in die Tüte! Der erste Schnee fällt, aber der Schlitten steht noch im Keller? Eine Plastiktüte unterm Po tut’s ja auch! Unvergessen übrigens auch die Tütentüten: Tüten, die nur dazu da waren, dass man andere Tüten in sie hineinstecken konnte.

Seit jeher war sie ein treuer Begleiter. Gleichermaßen praktisch wie vielseitig, allerdings – und jetzt kommt’s, was für viele noch immer überraschend zu sein scheint, waren es allein 2016 deutschlandweit doch noch sechs Milliarden: Plastiktüten sind wahre Umweltkiller mit einer katastrophalen Ökobilanz, so dass nun ihr Ende besiegelt wurde.

Dieses Jahr soll das letzte sein, in dem sie herausgegeben werden dürfen. Ab dem 1. Januar 2022 muss der eigentlich sehr schöne Satz „Kommt nicht in die Tüte!“ neu erfunden werden. Diese Frage sollte aber noch erlaubt sein: Auf was sollen die Kinder denn nun rodeln?

 

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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