So ein Moin hat unser Kolumnist auch schon in den Sand gesetzt. Foto: O. Lück

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne
von Oliver Lück

Ich kannte mal einen Mann, der Sand sammelte. Er hatte hunderte Flaschen befüllt. Sand von der Straße gegenüber, dort, wo die Maulwürfe buddelten. Erde aus dem Wäldchen hinterm Haus. Sand vom Spielplatz nebenan. Mancher war einfarbig, anderer gesprenkelt oder ganz bunt. Der Mann hatte ihn getrocknet und durch ein Teesieb gestrichen. „Einen tieferen Sinn hat das nicht“, erzählte er damals. Dann aber sagte er einen wirklich großen Satz, dessen Größe vielleicht erst dann zu erkennen ist, wenn man ihn sich laut vorspricht: „Wenn große Dinge verschwinden, bleiben manchmal winzige Teile von ihnen zurück.“
Vielleicht kann man sogar sagen, dass nichts aus der Welt geht, ohne Spuren zu hinterlassen. Vor einigen Jahren ist der Mann gestorben, von ihm sind die Asche und viele Geschichten geblieben. Von Pflanzen bleibt so etwas wie Humus. Von der Berliner Mauer kleine bunte Stückchen. Und Steine, Felsen und ganze Gebirgsmassive zerbröseln im Laufe von Jahrtausenden. Wind und Regen, Hitze und Kälte reiben so lange an ihnen, bis sie mikroskopisch klein und nahezu beliebig geworden sind.
Kennen Sie das Buch, in dem ein schüchterner Junge das winzigste und unscheinbarste Geschenk bekommt, dass man sich vorstellen kann? Es ist ein Sandkorn und der letzte Rest, der vom sagenumwobenen Land Phantásien übrigblieb. Der Junge heißt Bastian Balthasar Bux. Ihm gelingt es schließlich, aus dem scheinbaren Nichts ganze Städte, Länder und Kontinente, ja, sogar ein ganzes Universum zu erschaffen. Und sehr kurz zusammengefasst erzählt Die unendliche Geschichte von Michael Ende natürlich eines: Aus Sand ist die Welt gebaut.
Einmal, das ist jetzt auch schon wieder 15 Jahre oder länger her, beobachtete ich in einer versteckten Badebucht in Nordspanien drei langhaarige, komplett in schwarz gekleidete Finnen. Sie waren gerade dabei, mächtige Buchstaben an den Strand zu trampeln. Nach und nach setzte sich der Name einer US-amerikanischen Heavy-Metal-Band zusammen: MANOWAR. Im Sande verlaufen sozusagen. Ein großes Werk mit kleinen Schritten an den Strand gespurt. Und so kam auch ich am nächsten Morgen auf die Idee, meine damalige Freundin, mit der ich einige Wochen im Bus durch den Norden Spaniens reiste, mit frischem Kaffee und einem metergroßen Gruß aus unserer Heimat zu überraschen: MOIN!

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

 

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