Jan Rieck an den Trommeln. Foto: archiv

Folke Havekost, Finkenwerder. Wo Jan Rieck war, war auch etwas los. 1970, als er sein Band-Projekt „Alcatraz“ ins Leben rief, war es noch deutlich einfacher als heute, ein Bürgerschreck zu sein – aber Rieck gelang das bis zuletzt. Mit viel Einsatz, großer Meinungsfreude und ohne jede Angst, anzuecken.
Finkenwerders Lokalpolitik hielt der selbsternannte „Spielverderber und Vaterlandsverräter“ gerne auf Trab. Wenn er Schülern und Jugendlichen das Trommeln (oder auch Rappen) beibrachte, dann gab es oft weder Zeit noch Lust, auf Dienstwege zu achten. Rieck stellte ehrenamtlich das öffentlich geförderte Tidenhub-Rockfestival auf die Beine – und trat bevorzugt denen auf die Füße, deren Kulturverständnis bei der Finkwarder Speeldeel nicht nur anfing, sondern auch schon aufhörte.
Auch als Schriftsteller war er aktiv und frönte einem deftigen Realismus. Doch die große Liebe gehörte neben seiner verstorbenen Frau der Musik. Als Jugendlicher beschloss er, dem Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr nachzueifern – und sich das Trommeln natürlich selbst beizubringen.
Diese Leidenschaft reichte für ein halbes Jahrhundert Alcatraz mit häufig wechselnder Besetzung, in der Rieck die personelle Konstante (aber auf gar keinen Fall den ruhenden Pol) bildete. Die Kapelle wechselte fröhlich zwischen Rock, Fusion, Jazz und Avantgarde hin und her – Hauptsache, es war Musik, die eine kreative Auflehnung gegen das allzu Gewohnte versprach. Rieck trommelte dazu, auch gerne mal im Fünfzehnviertel-Takt.
Dadurch entstanden überraschende Begegnungen, nicht nur in der Tonlandschaft. Als Rieck 1983 bei einem oberbayerischen Dorfkonzert schräge Töne aus seinen Trommeln schlug, luden ihn drei Bauern zum Bier ein und wollten ihn gleich dabehalten. Die Musik habe ihnen zwar nicht so zugesagt – aber wer so kraftvoll aufs Schlagzeug haut, der könne auch prima bei der Getreideernte helfen. Rieck, der nicht besonders empfänglich für Komplimente war, hat das als großes Kompliment empfunden.
„Jan hat immer irgendwie sein eigenes Ding gemacht, immer gegen den Strom“, sagt der Nightrox-Sänger und Schlagzeuger Kai Niedernhöfer: „Viele haben ihn belächelt, einige haben ihn dafür bewundert.“
Die geplante Feier zum 50-jährigen Jubiläum von Alcatraz im Herbst 2020 in Waltershof ist dem Corona-Virus zum Opfer gefallen. Aus dem reichen musikalischen Fundus seien die „Sound Factory Sessions“ empfohlen, die Rieck 2001 in der Alcatraz-Besetzung mit Mike Kann und David Wolf aufnahm. Sie zeigen am besten, wie eigenwillige Charaktere in der Musik zu einem Zusammenspiel finden, wie es außerhalb von Studio und Bühne nur selten, vielleicht zu selten zu finden ist. Im Januar ist Jan Rieck im Alter von 70 Jahren gestorben.

1 KOMMENTAR

  1. … und viele Menschen vermissen ihn schmerzlichst.

    Der letzte Satz des Artikels hört mit einem Komma auf, ich habe ihn deshalb vervollständigt.

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