Zweisprachiges Ortseingangsschild in Westerland (standarddeutsch- nordfriesisch) auf Sylt. Foto: commons.wikimedia.org

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Ja, es ist wirklich wahr, dass es weit im Norden Deutschlands eine Art Geheimsprache gibt, die jeder zu kennen meint, aber niemand wirklich versteht. Darunter ist ein wunderbar einsilbiger Ausdruck, der unter Einheimischen als vollständiger
Satz gilt und meist dahingemurmelt wird: „Jo.“

Was einfach klingt, ist eine wichtige Redensart, die universell einsetzbar ist und von „ja“ bis „dieses Gespräch ist hiermit beendet und ich möchte nie wieder über dieses Thema sprechen“ alles bedeuten kann. Die richtige Verwendung des „Jo“ braucht allerdings etwas Übung. Für Anfänger sei erwähnt: Ein gehörtes „Jo“ bedeutet in jedem Fall, dass das Gesagte beim Gegenüber angekommen ist. Folgt dem „Jo“ ein „Und selbst?“ darf das Gespräch als noch laufend betrachtet werden. Fortgeschrittene antworten hier übrigens ihrerseits mit einem „Jo“, begleitet von einem leichten, kaum merklichen Kopfnicken.
Und „jo“, es stimmt auch, dass bis heute viele glauben, dass weite Teile des Nordens einzig und allein von distanzierten und überwiegend humorbefreiten Menschen bevölkert sind, die so gut schweigen können, dass es wie reden ist. Und wenn sie dann doch mal den Mund aufmachen, verständigen sich die kauzigen Küstenbewohner ausschließlich mit auffallend gemächlich gesprochenen Worten, die sich aus langgezogenen Vokalen und breitgetretenen Konsonanten zusammensetzen.

Irgendwann ist das Norddeutsche dann auch irre populär geworden. Seither meint jeder wie die Einheimischen schnacken zu können. Das A in Richtung O gewunden, das E unendlich in die Längeeeeee gezogen. Das CK wird zu einem weichen G gemacht, das G am Ende eines Wortes dagegen zum CH. Und das Doppel-T hier und da zum D. Und dann wird aus der „Frage“ die „Frooogeeeee“. Und aus „Mittag“ und „Mutter“ werden „Middach“ und „Mudda“. Und auf einmal sprechen Menschen, die aus Stuttgart, Hannover oder Köln nach Hamburg oder Kiel gezogen sind, extrem verlangsamt und beginnen Sätze mit „Ich sachmaa sooo …“

Denn: „Watt mutt, datt mutt!“ Und: „Nu abba ma Budda bei die Fischeee!!“ Oder vor allem: „Nich lang schnaggn, Kopp in Naggn!!!“ Na denn man tau.

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

 

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