Das Buch „Lebenszeit vor dem Vergessen bewahren“ enthält 11 Biografien – mit Schreckens- und Glücksmomenten und kostet 15 Euro. Foto: JM

„Lebenszeit vor dem Vergessen bewahren“: Paulus-Kirche bringt Buch mit Erinnergungen an den Zweiten Weltkrieg heraus. Von Jörg Marwedel.

Die Idee hatte die damalige Pastorin der Paulus-Kirche in Altona, Friederike Waack: Biografien von Menschen aufzuschreiben, die den Krieg noch erlebt hatten. Das erste Buch „Steckrüben und Steinekloppen“ war ein Erfolg. Alle 500 gedruckten Exemplare wurden verkauft, sagt Uschi Ziegeler, eine von sieben Autorinnen der „Biografie-Werkstatt“ der Paulus-Kirche, die gerade ihr viertes Werk herausgebracht hat. Es heißt „Lebenszeit vor dem Vergessen bewahren“ und kostet 15 Euro. Es handelt von Kindheitserinnerungen an Flucht, Bombardierung, Hunger und Angst, aber auch von kleinen Glücksmomenten in dieser Zeit, wie etwa rosa Bonbons zum Geburtstag.

Die Erzählenden sind einige der letzten Zeugen des Zweiten Weltkriegs. Da berichtet Ingrid Winkler, welche Panik sie bekam, als ihre Mutter bei der Flucht aus Königsberg bei einem Stopp und einer Suppenausgabe am Bahnhof nicht schnell genug zurückzukommen schien, um den weiterfahrenden Zug zu erreichen. Es ging noch gerade gut.

Brunhild Wangelin, die ebenfalls in Königsberg gelebt hat und deren Mutter Fahrkarten für das Fährschiff „Wilhelm Gustloff“ erstanden hatte, um in den Westen zu kommen, erinnert sich, wie sie weinend und verzweifelt am Kai stand, weil man zu spät den Hafen erreicht hatte. Dabei war es wohl die Lebensrettung, denn die „Gustloff“ mit 9.343 Flüchtlingen an Bord wurde torpediert, sank in der eiskalten Ostsee. Nur 1.239 Passagiere überlebten.

Kindheitserinnerungen an Fliegeralarm

Die Kinder litten besonders beim Fliegeralarm, dann musste man in den Bunker. Rosemarie Klopp hatte als Sechsjährige immer das „Alarmgesicht“ im Bett, nachdem im Radio Flieger-Warnmeldungen durchgesagt wurden. Sie schlief dann in ihrer Tageskleidung, neben sich das Fluchtgepäck samt Puppe.
Viele Jahrzehnte wurde nicht über die Traumata geredet. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich schrieb 1967 das Buch zum Thema: „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Doch so sehr man das Erlebte „wegschloss“, es hatte trotzdem Wirkungen auf das spätere Leben. Als Karl-Heinz Klopp (Jahrgang 1936) 2019 das Dröhnen der Propeller der „Rosinenbomber“ hörte, die zum 70-jährigen Jubiläum der Luftbrücke ihre Runden über Hamburg drehten, „war das Anfliegen der feindlichen Flieger aus der Kriegszeit wie gestern wieder in meinem Kopf“. Klopps Appell gegen den Krieg endet mit diesem Satz: „Es gibt so wenige Helden, aber so viele, die um ihr Leben rennen.“

Die Erfahrungen der heutigen Flüchtlinge unterscheiden sich in vielem kaum von den Erfahrungen der Deutschen vor 75 Jahren. Deshalb ist eine der elf Biografien in diesem Buch dem Iraner Omid R. gewidmet. Der wurde von einer Schlepperbande auf einem überfüllten LKW, der ohne Licht über unasphaltierte Gebirgsstraßen in die Türkei gebracht. Schließlich kam er über Bulgarien, Griechenland und Frankreich nach Hamburg. Die Reise war eine lebensgefährliche, die aber letztlich gut ausging: Omid R. schaffte das deutsche Abitur 2016 mit einem Notenschnitt von 1,9. Angst vor einer Abschiebung hat er immer noch.

 

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