Claus Günther (89), Zeitzeuge und Autor, hat bislang keinen Impftermin ergattert. Foto: archiv

Claus Günther (89) berichtet von seinen Versuchen, für seine Frau und sich einen Impftermin zu vereinbaren

Olaf Zimmermann, Hamburg. 190.000 Menschen in Hamburg genießen bei der Corona-Schutzimpfung höchste Priorität. Zu dieser Gruppe zählen auch Senioren, die über 80 Jahre alt sind. Doch die Impfungen stocken, weil zu wenig Impfstoff zur Verfügung steht. Der 101-jährige Wilhelm Simonsohn sollte am 5. Januar geimpft werden. Das Taxi, das ihn um 7.30 Uhr ins Impfzentrum an den Messehallen bringen sollte, war schon bestellt – als ein Anruf kam, dass doch kein Impfstoff vorhanden ist. Wilhelm Simonsohn wurde jetzt am letzten Freitag geimpft. Claus Günther (89) hatte noch nicht so viel Glück. Für das Wochenblatt schildert er seinen Versuch, für sich einen Impftermin zu vereinbaren.
„Freitag, 08.01.21: Heute habe ich die heiße Nummer 116117 angerufen, konnte sofort (!) mit einem Mitarbeiter sprechen, der seinerseits von einem hohen Anfrage-Aufkommen sprach und mich bat, wegen eines Termins nächste Woche wieder anzurufen. (Sollten wir Betagten nicht schriftlich benachrichtigt werden?)

Was kam?
Schrottmusik mit
Störgeräuschen

Claus Günther (89)
Impfwilliger

 

Montag., 11.01.21: Nun wollte ich den Termin Online abrufen unter www.hamburg.de/corona-impfung. Dort habe ich meine Mail-Adresse und die Telefonnummer angegeben und soll nun per SMS benachrichtigt werden. Doch ich nutze mein Handy nur zum Telefonieren, wenn ich unterwegs bin und kenne mich mit SMS nicht aus.Warum kann ich denn keine Mail-Nachricht mit den Terminen erhalten?
O.k., neuer Versuch per Telefon 116117. „Wählen Sie die 1…“ Gemacht. „Wenn Sie einen Termin … wählen Sie die 1…“ Ausgeführt. Gespräch mit einem Mitarbeiter. Ich möge bitte noch mal 116117 wählen, dann die 1 – und danach die 2 (für Menschen Ü 80). Was kam? Schrottmusik mit Störgeräuschen. Habe gewartet und gewartet und nach zehn Minuten aufgelegt. Später, mit mehr Glück, durchgekommen. Ich soll morgen wieder anrufen, ab 8 Uhr.
Dienstag, 12.01.21, morgens: Erneuter Versuch nach der gestrigen Pleite. Diesmal schon vor 8 angerufen. Besetzt, besetzt, besetzt. Um 8.45 Uhr kam ich durch, und nach 116117 sogar bis zur 2. „Im Moment sind alle Leitungen in Ihrem Landkreis belegt. Bitte … später versuchen.“ Landkreis? Welcher Landkreis? Ich wohne in Hamburg!
O.k., später wieder versucht, mehrmals, bis 11 Uhr. Was kam? Schrottmusik, jetzt ohne Störgeräusche. Habe gewartet wie gehabt und nach zehn Minuten aufgelegt. Im weiteren Verlauf des Tages bei vielen Versuchen wieder die Ansage: „Im Moment sind alle Leitungen…“ (usw.)
Dienstag, 12.01.21, nachmittags: Nach weiteren ergebnislosen Versuchen schließlich ins Internet gegangen, die Handy-Nummer meiner Frau eingegeben, eine Pin-Nummer mit sechs Ziffern erhalten – und die Info, dass zur Zeit keine Termine verfügbar sind – es würden aber „laufend“ (!!!) neue Termine vergeben.
Mittwoch, 13.01.21: Hurra! Eine Einladung zur Corona-Schutzimpfung kam mit der Post, Absender: die Sozialbehörde. Toll! Das sind unsere Termine! Nein? Nein. Aber nun haben meine Frau und ich es endlich schwarz auf weiß, dass uns aufgrund unseres Alters bevorzugt eine Corona-Schutzimpfung angeboten wird. Und auch die Telefonnummer 116117 wird uns genannt sowie eine Internet-Adresse, wie nett! Also wieder x-mal versucht, telefonisch durchzukommen. Unveränderte Situation: Bandansage („Leider …) oder Schrottmusik am Telefon, den ganzen lieben langen Tag.
Donnerstag, 14.01.21: Auf NDR 90,3 sagt Frau Dr. Melanie Leonhard, unsere Sozialsenatorin, heute früh, es könnte sein, dass man „zwei- bis dreimal anrufen“ müsse, um durchzukommen und einen Impftermin zu bekommen. Ich habe das wiederum x-mal versucht – leider vergeblich. Hat sie eine Geheimnummer? Ich habe in der Zwischenzeit zweimal per E-Mail die Kontaktstelle der Sozialbehörde poststelle@soziales.de kontaktiert, aber keine Antwort erhalten.
Freitag, 15.01.21, 6.30 Uhr: NDR 90,3: Impftermine sind bis Mitte Februar ausgebucht. Vorerst werden keine neuen Impftermine vergeben, sagt die Sozialbehörde. Und: Gestern haben einige Anrufer falsche Auskünfte erhalten. Dem werde man nachgehen. – Im Internet lautet die Auskunft weiterhin: „Leider sind in ihrer Region aktuell keine Termine verfügbar. Bitte prüfen Sie die Termin-Verfügbarkeit mit Hilfe Ihrer bereits erhaltenen Vermittlungscodes später erneut. Es werden regelmäßig neue Termine bereitgestellt.“ Analog bei 116 117: „Leider sind aufgrund zahlreicher Anrufe im Moment alle Leitungen in Ihrem Landkreis belegt. Bitte … später noch mal“ (usw.)
Ich fühle mich total verarscht!

Zur Person: Claus Günther (89) hat gesehen, wie am Abend des 10. November 1938 die Harburger Synagoge in der Eißendorfer Straße brannte. Nicht einmal acht Jahre alt war er damals. Heute lebt er in Stellingen und berichtet als Zeitzeuge in Hamburger Schulen über die Schrecken der Nazi-Zeit; darüber, wie es war, als Bomben auf Hamburg fielen.

1 KOMMENTAR

  1. ….. ja Ähnliches habe ich auch erlebt bei der Impftermin-Nummer 116 117.
    Um die 18 Mal habe ich versucht dort durchzukommen.
    Beim vorletzten Mal hat es dann geklappt, dachte ich, denn es wurde Musik
    eingeblendet. Also dachte ich an einer Warteschlange und legte nicht auf.
    Ich wurde damit 51 Minuten hingehalten, danach wurde ich dann durchgeschaltet und man unterbreitete mir, das im Moment nicht genug Impfdosen zur Verfügung ständen.
    Danach versuchte ich es über die AWO, Arbeiterwohlfahrt, doch nach ca.
    zwei Tagen kam auch von dort der Anruf, keine Impfdosen im Bereich Hamburg zur Verfügung und ich solle weiter Radio und TV-Ansagen abwarten.

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