Die orangefarbene Musikbühne Canopy Scene. Foto: commons.wikimedia.org

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Es mag etwas seltsam erscheinen, mitten in unserem ersten Corona-Winter über ein Sommerfestival mit 100.000 Menschen zu schreiben. Aber denke ich an Zusammenhalt und Gemeinschaft, denke ich nicht an Weihnachten, sondern an Roskilde.

Am Rande der gleichnamigen Kleinstadt, rund vierzig Kilometer westlich von Kopenhagen, findet jedes Jahr das größte Musikfestival Nordeuropas statt. Seit 50 Jahren: Freakshow, Maskenball, Kindergeburtstag, Zirkus und Rockkonzert. Es kann berauschend und bezaubernd, verstörend und erschreckend sein, wenn so viele Menschen gemeinsam die zeitweilig fünftgrößte Stadt Dänemarks gründen.

Es tobt ein Leben ohne Alltag und Tabus. Vulgär und schrill. Strapaziös und phantastisch. Musik ohne genervte Nachbarn. Rituale ohne Religion. Sex ohne gemeinsames Frühstück. Die Leute entfesseln sich und versinken selbstvergessen im Rausch. Die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit verwischt.

Auf Festivals sind sich alle nah, näher als im echten Leben. Es ist ein kurzlebiges, intensives Miteinander, alles verschmilzt zu einem großen Ganzen. Es sind Abende, die späte Nacht werden. Und wenn man den Besuchern in Roskilde zuhört, merkt man, dass es die überwältigenden Gefühle sind, die alle teilen, die aber nur schwer zu beschreiben sind. „Es geht sozialer und solidarischer zu als im Alltag, man hilft sich gegenseitig“, sagte mal vor vielen Jahren ein Hamburger, der seit 1982 jedes Jahr dabei ist.

Roskilde ist wie ein gigantisches Theaterstück. Eine Oase der Vielfalt auf eineinhalb Quadratkilometern. Und die Bevölkerungsdichte des verrückten Partyplaneten ist höher als in Megastädten wie Shanghai, Mexico City oder in den Slums von Kalkutta. Es riecht nach verschwitzten Menschen, Grillwurst und Bier. Es stinkt nach Urin, Müll und frisch Erbrochenem. Es schmeckt nach Staub. Die Schlangen vor den Toiletten sind lang. Das Essen kommt aus der Dose. Und überall sieht man glückliche Gesichter. Die Leute lieben diesen Ausnahmezustand, weil sie wissen, dass er nicht von Dauer sein wird. Und genau das fehlt ihnen – und auch mir – in dieser beispiellosen Zeit.

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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