Langeweile ist eine Erfindung des Menschen, die Tiere – wie dieser Schimpanse – nicht kennen. Foto: Thomas Lersch / commons.wikimedia.org

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

In unserer heutigen Zeit, in der man sich ständig selber unter der Lupe betrachtet, in der jeder bereitwillig preisgibt, wo er oder sie gerade unterwegs ist, da man es ständig selber bei Instagram oder irgendwo postet, ist das Sich-Langweilen ja eher ungewöhnlich geworden. Dabei kann das gewissenhafte Nichtstun wirklich großartig sein, da man glaubt, dass sich die Gegenwart noch weiter ausdehnt. Man sehnt sich in einen anderen Zeit-Raum. Man verlässt die Produktivitätsebene und wird faul. Denn nur der aktive Mensch gilt ja als produktiv. So sind wir erzogen: auf Arbeit und Aktivität.

Wissenschaftler haben gemessen, dass die Gegenwart bei jedem Menschen etwa drei Sekunden dauert. So lange konzentriert sich das Gehirn auf etwas, ehe es sich etwas Neuem zuwendet. Danach setzt das Gedächtnis ein und man erinnert sich an Vergangenes. Eins, zwei, drei – und das war es auch schon wieder mit dem Im-Hier-und-Jetzt-Sein. Und gerade dann, wenn man plötzlich viel Zeit hat, so wie in den letzten Monaten, wird es schwierig. Alles, was wir machen könnten, machen wir nicht – was sich auch ein Stück weit genießen lässt. Zu viel Zeit und zu wenig zu tun ist aber auch nicht gut. Denn dann kommt die Langeweile. Und dann wird es für viele unerträglich.

Wenn am Bahnhof durchgesagt wird, dass der Zug zehn Minuten Verspätung hat, holen viele ihr Handy raus. Diese Minuten müssen genutzt werden. Ein Münchener Zeitforscher hat mal gesagt: „Wir haben das Nichtstun verlernt. Also versuchen wir ständig, Zeit zu sparen. Wir versuchen, Leer- oder Wartezeiten durch Aktivitäten zu kompensieren. Leute, die sich den Urlaub randvoll mit Aktivitäten packen, sind Menschen, die mit sich nicht klarkommen. Sie fliehen vor sich selbst durch Aktivität. Man muss ziemlich viel mit sich anfangen können, wenn man aus dem Alltag des Berufslebens aussteigt. Man muss sich selbst genügen. Wer das nicht kann, dem droht Langeweile.“

Heutzutage haben wir allerdings keinen positiven Begriff von Langeweile mehr. Langeweile ist eine Erfindung des Menschen, Tiere langweilen sich nicht. Und dazu passt dann auch der schöne Satz von Voltaire: „Wenn Affen sich langweilen, werden sie Menschen.“

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