Wer Lebensmittel einkauft und wissen möchte, wie lange diese haltbar sind, ist auf die Kennzeichnung auf der Verpackung angewiesen. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Alles fing an mit einer Dose Labskaus aus dem Vorratskeller meiner Eltern. Eine beachtliche Staubschicht hatte sich auf die Konserve gelegt. Doch die schwarzen Zahlen waren noch gut zu lesen: Das Mindesthaltbarkeitsdatum war abgelaufen, als es im Fernsehen noch drei Programme und Sendeschluss gab. Das Labskaus hatte schon sehr lange im Regal gestanden. Fast 40 Jahre.

Daneben entdeckte ich andere, uralte Lebensmittel mit wunderlichen Etiketten. Gelbe Dosen, rote Dosen, grüne Dosen, blaue Dosen. Dazu: Konservenwurst. Und: Selbstgekochte Marmeladen – eine Million Gläser mindestens! Aufrecht, liegend, gestapelt, gereiht, wie die Bauklötze einer Spielstadt. Die Architektur eines Wohlstandsgefühls: Egal, was auch passieren wird, ich werde nicht verhungern.

Eine gut gefüllte Speisekammer scheint in dieser Zeit ja wichtiger denn je zu sein. Und im Keller meiner Eltern finden sich auch heute noch die üblichen Verdächtigen, die jeder kennt, der große Mengen auf Vorrat einkauft: Schalotten im Glas. Erbsen mit Möhrchen aus einer Zeit, als Angela Merkel noch keine Kanzlerin war. Linsen mit Suppengrün, mindestens haltbar bis Oktober 1987. Oder 1,5 Liter Glühwein aus dem Tetra Pak – „würzig, aromatisch, trinkfertig.“ Zehn Dosen Sardinen gibt es auch. Mit goldenen Ranken und vollmundigen Frauengesichtern erzählen sie von Zeiten, als portugiesische Fischkonserven als Delikatesse nach Frankreich, Großbritannien und auch nach Deutschland exportiert wurden. Oder erinnern Sie sich noch an den Mais, der zu Radetzky marschierte? „Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose.“

Die Antwort meiner Mutter, ob dies oder das vielleicht doch seinen geschmacklichen Zenit überschritten haben könnte, ist bis heute übrigens stets gleichgeblieben: „Das ist doch noch gut.“ Und immer gibt es nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob sie damit richtig liegt.

Um es kurz zu machen: Die Ananas von 1992, die Linsen aus dem Jahr 1987, das Labskaus von 1983 waren alle noch einwandfrei. Nur den Glühwein, abgefüllt am 12.12.2001 um 13:04 Uhr, habe ich noch nicht geöffnet. Damit warte ich noch ein paar Jahre, bis es mal wieder so richtig kalt wird.

 

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here