Peter (l.) und Olli beim Weihnachtsmann in Inari. Foto: PR
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Jetzt, zwei Tage nach Weihnachten, möchte ich von meiner letzten Reise erzählen. Es war Anfang Februar. Urlaub war noch problemlos möglich. Und ich erfüllte mir einen lang ersehnten Traum und fuhr zum ersten Mal im Winter in den nördlichsten Norden Skandinaviens. Von Hamburg nach Inari. Und zurück. 5228 Kilometer in neun Tagen.

Ich war mit meinem alten Freund Peter unterwegs. In Nachtzügen, Bussen, Taxis, auf Schneemobilen und zu Fuß. Und schnell wurde klar, dass auch eine kurze Reise sehr intensiv sein kann: Wir übernachteten bei minus 19 Grad mitten auf dem Inarisee. Wir sahen das Nordlicht und liefen durch tief verschneite Wälder. Wir wurden verhaftet und wieder freigelassen. Und: Wir trafen den Weihnachtsmann.

Ja, es gibt ihn wirklich. Er lebt in einem Dorf etwas außerhalb von Rovaniemi, einer finnischen Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern direkt am Polarkreis. Er heißt Esko und arbeitet im Schichtdienst mit anderen Weihnachtsmännern hauptberuflich als Santa Claus im gleichnamigen Village, wo das ganze Jahr über Weihnachten gefeiert wird. 365 Tage Lieder singen. Alle fünf Minuten „Ho, Ho, Ho!“ Es ist so eine Art Vorhölle auf Erden.

Peter und ich hatten geglaubt, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Wir wussten, dass der Besuch des Weihnachtsdorfes extrem befremdlich werden würde. Wir hatten allerdings nicht damit gerechnet, dass sechseinhalb Minuten mit dem Weihnachtsmann derart verstörend sein können. Er hatte sehr große weiche Hände, eine tiefe Stimme und lachte nach jedem Satz sein Weihnachtsmannlachen – auch dann, wenn es gar nicht lustig war. Er lachte und lachte und lachte. Und auch heute habe ich dieses durch Mark und Bein dringende Lachen noch manchmal im Ohr.
Peter und ich ließen uns mit ihm fotografieren, was nur 50 Euro kostete. Und an dieser Stelle möchte ich auch verraten, dass wir uns vor dieser Privataudienz in einem der Restaurants etwas Mut antrinken mussten. Und schließlich texteten wir, leicht bierbeseelt, den weltbekannten Weihnachtsklassiker „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ noch etwas um und sangen unseren neuen Song zum Abschied dem Weihnachtsmann vor. Die erste Strophe ging so: „Rudolph, the Main Course Reindeer. With a very tasty sauce. We ate all of the other reindeers. With carots and potatoes!“

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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