Meeresspargel, auch Queller genannt. Foto: Jürgen Howaldt/Wikimedia
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Es muss Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein, da lud mich Frau Kühn zum Essen ein. Sie erzählte aus ihrem Nordseeleben, wie sie einst die Wildenten rupfte und mit den frischen Federn die Betten stopfte. Sie erzählte, wie das Meer mal einen Meter hoch in ihrer Wohnstube gestanden hatte und sie mit ihrer Familie vor den Fluten auf den Dachboden flüchten musste. Und sie zeigte mir eine für mich unbekannte Pflanze, die wir an diesem Tag essen sollten und die in erstaunlich großen Mengen direkt vor der Haustür der damals 80-Jährigen wuchs.

Man sollte vielleicht wissen, dass Frau Kühn auf der Hallig Oland lebte. Vor der Haustür bedeutete also mitten im Meer. Schon als Kind war sie mit ihren Geschwistern losgelaufen, um diese seltsamen Dinger zu sammeln und ihrer Mutter zu bringen, die daraus einen Salat machte. Die extrem dickfleischigen Pflanzen sind so grün wie Gras, die Blätter stark verkleinert und zu einer Art Schuppen reduziert, die sich um den Spross legen. Die Stängel sehen nach etwas zwischen Bohne, Spargel und Kaktus aus. Es knackt beim Hineinbeißen. Und sie schmecken salziger als das Meer, mit einer leicht pfeffrigen Schärfe und einer feinnussigen Note. „Die Bohne der Matrosen“ nannte Frau Kühn diese maritime Spezialität damals. Seit Menschen auf den Halligen leben, essen sie die vier Millimeter dicken und bis zu 30 Zentimeter hohen Salzstangen.

Im Norden heißen die verzweigten Stiele auch „Meeresspargel“, in Holland „Zeekral“ und in Frankreich „Salzhorn“ oder auch „cornichon de la mer“, da sie sich wie Gurken gut in Essig einlegen lassen. Die Pflanze ist weder ein Schachtelhalm, für den sie wegen ihres Aussehens oft gehalten wird, noch eine Alge, als die sie in Fischläden oft verkauft wird. Sie lebt auf den Salzwiesen nahe der Gezeitenzone, zwischen Watt und Land. Dort sprießt sie büschelweise, wird regelmäßig überflutet und steht stundenlang unter Wasser, um dann wieder in der prallen Sonne im Trockenen zu verbringen. Und, wissen Sie den Namen des wilden Krauts? Probieren Sie es mal – so schmeckt die Nordsee!

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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