Graffiti zu Maradonas Ehren in Neapel (2019). Foto: Céréales Killer
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne
von Oliver Lück

Hamburg, 10. Juni 2006, Erinnerung an meine einzige Begegnung mit Maradona: So wie Deutschland jeden Tatort-Sonntag das Land der Millionen Hauptkommissare und heute coronabedingt das Land der Millionen Virologen ist, war es damals, im Sommer vor 14 Jahren, das Land der Millionen Bundestrainer. Vier Wochen lang Weltmeisterschaft im eigenen Land. Vier Wochen lang schien die Sonne. Es war Sommermärchen.

Wegen der WM rannten die Menschen auf die Straße und trafen sich auf den sogenannten Fanmeilen, um gemeinsam Fußball zu gucken. Von Spiel zu Spiel kamen mehr, gleichzeitig wurde es immer heißer. Dass unter den Fans jede Menge besoffene Kinder waren, die vollgekotzt aus der Menge gezogen werden mussten, war in diesem Rekordsommer jetzt mal egal, und dass die Hitzerekorde etwas mit dem Klimawandel zu tun haben könnten, interessierte auch nicht.

Nach dem Ende der Partie Argentinien gegen Elfenbeinküste (2:1) waren es gegen 23 Uhr sicher noch 25 Grad. Ich arbeitete damals als Fußballreporter, reiste von Stadion zu Stadion und stand schwitzend in der Mixed Zone des Volksparkstadions, dort, wo die Journalisten immer auf die Spieler und Trainer warten, um ihnen hoffentlich – bitte, bitte, bitte – irgendwie brauchbare Sätze über Fußball zu entlocken. Plötzlich flog eine der vielen Türen auf und ein sehr kleiner Mann stürzte heraus. So klein, dass ich ihn nicht kommen sah, alles ging ganz schnell: Er rannte mich einfach über den Haufen. Und er war nicht nur sehr klein, sondern auch sehr rund, sehr energisch und sehr unrasiert.

Ja, und dann und genau dort passierte es: Nachdem er mich angerempelt hatte, schaute er zu mir hinauf, entschuldigte sich und reichte mir die Hand. Ich schwöre, dass es genau so war: Er gab mir seine Hand. Und es war die Linke! Ich glaube, nicht nur die Fußballversteher wissen, was das zu bedeuten hatte. Schließlich war es ja nicht irgendwer, der mich da grob gefoult hatte, sondern Diego Armando Maradona.

Also war es auch nicht irgendeine Hand, die meine da schüttelte, sondern die von Gott. Und so wie im Fußball gerne vieles leidenschaftlich überhöht wird, war auch diese Begegnung, die nur Sekunden dauerte, ein Zeichen von ganz oben natürlich. Danke dafür, Diego! Fand ich groß. Und ja: Ich habe mir die Hand seither gewaschen – mehrfach!

 

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

 

 

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