Leckeres aus Mais: Popcorn. Foto: Wikimedia/Flagstaffotos
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Liebes Corona-Tagebuch, bin mit meinen drei Söhnen im Kino gewesen. Es gab Jim Knopf und Popcorn für alle. Mein Ältester fragte: „Das ist aus Mais, oder?“ – „Ja, das ist Mais“, antwortete ich. „Wie so vieles heute aus Mais ist.“ Mais ist gut. Mais ist böse. Mais ist überall. Sucht man nach dem Wort „Mais“ im Internet, kann einem die Recherche schnell über den Kopf wachsen: Es lassen sich über vier Milliarden Einträge finden – weit mehr als für „Fußball“ oder „Gott“. Denn der Mais steckt im Detail, auch wenn man ihn nicht sieht.

Er ist in Einweggeschirr, in Verpackungsmaterial und in T-Shirts. In Ketchup, Erdnussbutter oder Orangensaft. Mais findet sich in Kunststoffen, Papier und Pappe, Klebstoffen, Pharmazeutika, Kosmetikartikeln, Brennstoffen oder Schleif- und Poliermitteln. Rund 20.000 Produkte, die Mais enthalten, soll es inzwischen geben.

Wie viele es genau sind, weiß niemand. Wir vermaisen. Die Welt hat sich zu einer riesigen, grenzübergreifenden Maisrepublik entwickelt.

Popcorn und Tortillas, Mondamin-Saucenbinder und Cornflakes sind die Klassiker aus Mais. Denken Menschen heute an Mais, haben sie aber vor allem Monokulturen vor Augen, erodierte Böden oder Biogasanlagen. Sie haben Genversuche und Labore im Kopf. Denn kein anderes Lebensmittel wird derart politisiert und dämonisiert.

An den Genen des Mais‘ wird geforscht. Sie werden verändert und auf noch mehr Leistung getrimmt. Und wer den Dokumentarfilm „Food Inc.“ gesehen hat, der vor zwölf Jahren in den Kinos lief, erinnert sicher die Bilder des eingepferchten Hühnchens, das irgendwann einfach umfällt, da es durch das energiereiche Maisfutter so rasend schnell fett geworden ist, dass die dünnen Beinchen das Gewicht nicht mehr tragen können.

Schon etwas her, an einem Strand in Lettland, wo die Ostsee alles zurückgibt, was sie sich irgendwann geholt hat. An diesem Tag waren es zwei Dutzend Flaschenverschlüsse, eine Zahnbürste, ein Fernseher und unzählige Plastiktüten. Und – das überraschte mich nicht wirklich: eine Palette mit acht Dosen Mais aus Russland, rostig und angefressen vom Salzwasser, aber laut Aufdruck noch vier Jahre haltbar.

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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