Der Besucher zeigt ein Foto von der Fridays for Future-Demo: Wilhelm Simonsohn in der Geschwister Scholl Stadtteilschule im Februar.Foto: mg

Wilhelm Simonsohn (101) appeliert an Regierung und Konzerne, mehr gegen die Klimakrise zu tun

Als Wilhelm Simonsohn im September Geburtstag hatte, verschickte er den „Klima-Appell“ des Dalai Lama an Freunde, Verwandte und Bekannte. „Das Interview, das der Journalist Franz Alt auf CD herausgebracht hat, gefiel mir so gut, dass ich 50 Exemplare davon als Dank für alle Geburtstagsgrüße verschenkt habe“, sagt Simonsohn, der jetzt 101 Jahre alt ist, am Telefon.

Das Gespräch mit dem Dalai Lama wurde zwar vor Beginn der Pandemie aufgenommen, doch für Simonsohn steht die Klimakrise trotz aller gegenwärtigen Einschränkungen weiter im Mittelpunkt. „Ich habe fünf Urenkelkinder und mache mir große Sorgen um den Bestand der Menschheit.“

Auf seiner ersten Fridays for Future-Demonstration war er mit 99 Jahren. „Ich war mit meinen Töchtern, einem Enkel und zwei Urenkeln dabei.“ Fotos dieses ungewöhnlichen Familienausflugs zeigt er Schülern im Hamburger Westen, wenn er als Zeitzeuge Schulen besucht. Vor dem Lockdown war er an der Geschwister Scholl Stadtteilschule und an der Elbschule, um dort mit großer Freude, genau sitzenden Pointen und wachem Geist aus seinem unglaublichen Leben zu berichten.

Das Verhalten von Siemens empört den 101-Jährigen

An seinen Vater Leopold Simonsohn erinnert ein Stolperstein in der Steenkampsiedlung. Wilhelm Simonsohn war 15, als er erfuhr, dass sein Vater Jude und er von seinen Eltern adoptiert worden war. Der angesehene Kohlenhändler war zum Christentum konvertiert, hattte als Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft und dachte deutschnational. Nach den Nürnberger Rassengesetzen der Nazis wurde er dennoch als Jude verfolgt. Stammkunden wie die Zigarettenfabrik Reemtsma und selbst die Bahrenfelder Kirchengemeinde boykottierten sein „Steenkamper Kohlenlager“. Dadurch geriet die Familie in Geldnot. Die Simonsohns mussten das Reihenhaus in der Ebertallee 201 verlassen und zogen in eine kleine Wohnung nach Altona. Weil sie das Schulgeld von monatlich 20 Reichsmark nicht mehr aufbringen konnten, musste Wilhelm das Altonaer Real-Gymnasium verlassen. Er trat aus der Marine-Hitlerjugend aus, wo er als „Judenlümmel“ beschimpft worden war. „Noch heute versetzt es mich in Erstaunen, dass ich als 15-Jähriger so handelte“, so Simonsohn heute.
Den Schülern sagt er, dass es sich lohne sich für Europa einzusetzen. „Schließlich ist es diesem Europa zu verdanken, dass wir seit 75 Jahren mit unseren Nachbarn in Frieden leben.“ Als politischer Mensch verfolgt er viele Bundestagsdebatten, die auf Phoenix übertragen werden. „So bekomme ich Informationen aus erster Hand.“

Den 101-Jährigen empört es, wenn Siemens Signalanlagen an eine australische Kohlemine liefert, mit der in Indien ein Kohlekraftwerk betrieben wird. Er hat dem Konzern einen Brief geschrieben und auch eine Antwort bekommen. Dass sich Siemens mit dem Verweis auf einmal geschlossene Verträge herausredete, überzeugte ihn nicht. Und das hatte Wilhelm Simonsohn mit vielen jüngeren Klimaschützern gemeinsam.

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