Clowns bringen Menschen zum Lachen, aber auch zum Nachdenken. Foto: Panthermedia
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne
von Oliver Lück

Herrrrrrrreinspaziert, meine Damen und Herren! Heute möchte ich Ihnen von einem Clown erzählen, dem ich begegnet bin. Ja, wirklich, einem echten Clown. Es gibt sie noch!

Und es gibt Menschen, die schon von Natur aus lustiger aussehen als andere. Sie brauchen keine Verkleidung. Sie müssen auch nichts Komisches sagen oder Grimassen schneiden. Danny ist so einer. Er hat zerstrubbelte, schulterlange Haare und dünne Arme, die bei jedem Schritt etwas unbeholfen an seinem sehnigen Körper herumschlenkern. Er trägt große, ausgelatschte Schuhe, über die er jeden Moment stolpern könnte. Und er hat eine sehr große, lange und spitze Nase.

Um ehrlich zu sein: In seinem Gesicht dreht sich alles um diese Nase. Sie ist das Epizentrum. Und je länger man sie ansieht, desto größer wird sie. Danny aber kann gut damit leben, dass man seine Nase witzig findet. Das gehört sozusagen zu seinem Berufsrisiko.

„Der Clown“, erzählte mir Danny, „hat einen anderen Blick auf die Welt. Er zeigt dir, wie wichtig scheinbar unwichtige Dinge sein können. Auch wenn ihm pausenlos komische Sachen passieren, bekommt er sein Scheitern mit Humor in den Griff. Er sieht wie ein Verlierer aus, doch am Ende lieben alle den Clown, weil er ihnen Hoffnung gibt.“

So viel ist klar: Danny ist ein nachdenklicher Clown. Und wenn er redet, greift er manchmal nach einem unsichtbaren Seil und hält sich einen Moment lang daran fest. Oder seine Hände tanzen durch die Luft, wenn er vom Jonglieren erzählt. Dann schmeißen und fangen sie Bälle, die gar nicht da sind. Und wenn er von Momenten aus seinem Leben erzählt, die für ihn nicht ganz so einfach zu bewältigen waren, jonglieren seine Hände umso schneller.

So wie in den letzten, den coronaren Monaten. Auch Danny weiß nicht, wie es weitergehen wird. Das weiß niemand. Aber: „Dies wird nicht das Ende sein“, sagt er, „so ist es Vorstellung für Vorstellung. Tag für Tag. Generation für Generation. Vielleicht ist jeder Anfang aber auch einfach das Ende von dem Vorhergehenden, wer weiß das schon. Oder jeder Anfang ist einfach bloß der Anfang und das Ende einfach bloß das Ende – das kann auch sein.“

Danke, Danny!

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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