Ohrenquallen kommen auch in der Ostsee vor. Foto: commons.wikimedia.org
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Mal ehrlich: Mögen Sie Schleim? Die allermeisten Menschen finden ihn ziemlich eklig. Denn auch Monster oder Aliens kommen ja eher selten ohne aus. Er ist zäh, klebt, wirft manchmal Blasen und hat es ganz eindeutig auf uns Menschen abgesehen. Und Quallen – wussten Sie das? – sind wahre Schleimspezialisten. Vor kurzem erst habe ich mit meinen Söhnen ein wunderschleimiges Exemplar an einem Strand der Ostsee entdeckt.

Quallen waren ja schon immer eine der größten Seltsamkeiten der Kindheit – ein im Wasser waberndes Wunderwesen aus Wackelpudding. Vor allem Feuerquallen eilte ein gewisser Ruf voraus. Sie waren schleimiger als Schnecken und giftiger als Schlangen. Sie standen auf einer Stufe mit Vogelspinnen oder Königskobras.

Doch kein Tier war und ist so wabbelig und wandlungsfähig wie die Qualle. Ihre außergewöhnliche Anmut lässt uns staunen und fürchten zugleich. Im Wasser strahlt sie eine unendliche Harmonie aus und tanzt wie ein in Zeitlupe schwebender Vorhang sanft und blind vor sich hin, an Schönheit und Eleganz kaum zu überbieten. Gestrandet aber liegt sie hilflos auf dem Trockenen und sieht aus wie ein durchsichtiges, wässriges Häuflein. In Kindheitstagen wurde mit einem Stock hineingestochen, um die gewaltige Geleehaftigkeit zu erproben. Und wer den Mut hatte, die außerirdische Masse mit in die Hand zu nehmen, war der Held am Strand.

Auch fangfrisch zubereitet mögen sich viele den glibbrigen Happen nicht so recht als etwas Genießbares vorstellen. Zu unbekannt scheinen uns diese Tiere, die auch in Nord- und Ostsee immer häufiger in monströsen, schlabberigen, teils giftigen Schwärmen auftauchen. Und mit der Erwärmung der Weltmeere werden wir in Zukunft immer mehr davon haben.
Die Frage sollte also erlaubt sein: Warum isst man das Problem nicht einfach auf? Quallen sind ja nicht viel mehr als Wasser (98 Prozent). Eigentlich schmecken sie nach nichts. Mariniert mit Sesamöl und gewürzt mit Chili und Koriander könnten sie zu einem saftigen Proteinsalat werden – nicht Fisch, nicht Fleisch. Vor 20 Jahren hatte schließlich auch keiner daran geglaubt, dass es heute an jeder Ecke rohen Fisch geben würde, oder etwa Sie?

 

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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