1. Projekttag zum Thema Straßenbäume in der Klasse 8b (Foto Gisela Baudy)
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Auftakt der Projekttage „Trees for future“

Am 20. Oktober 2020 begann an der Schule Schwarzenbergstraße das dreiteilige Bildungsprojekt „Trees for future – Stadtbäume in Zeiten des Klimawandels“ (Modul I). Jürgen Becker von der TUTECH INNOVATION GmbH führte die Schüler*innen der Klasse 8b sehr anschaulich in das karge Leben der Straßenbäume ein. Am 22. Oktober 2020 folgte Modul II: die Exkursion zum Klimabaum-Hain bei Lorenz von Ehren (LvE). Im dritten und letzten Modul werden die Schüler*innen aktiv dem Klimawandel begegnen und einen klimaverträglichen Baum auf dem Schulhof einpflanzen – wahrscheinlich einen Ginkgo (eine Baumspende von LvE). Kooperationspartner der Bildungsreihe ist HARBURG21. Finanziert wird das Projekt aus den Mitteln des Klimafonds „moinzukunft“.

Kurz vor halb neun ziehen wir unseren Mund- und Nasenschutz an und betreten das Gelände der Schule Schwarzenbergstraße. Gleich wird Jürgen Becker von der TUTECH INNOVATION GmbH die Projekttage „Trees for future – Stadtbäume in Zeiten des Klimawandels“ in der Klasse 8b eröffnen. Schnell noch die Hände desinfizieren, und dann geht es schnurstracks zum Klassenzimmer.

Jürgen Becker an der Tafel (Foto Gisela Baudy)
Referent Jürgen Becker (Foto Gisela Baudy)

An der rechten Wand quer zur Fensterreihe hängt die gute alte, höhenverstellbare Kreidetafel. Der Overhead-Projektor daneben wirft einen Schatten an die Wand – einen Baum mit Blätterkreis. Die Schüler*innen sitzen auf Holzstühlen an Holz-Schulbänken und palavern munter durcheinander. Erinnert doch alles an unsere eigene Schulzeit. Fast. Denn als es pünktlich losgeht, drehen die Mädchen und Jungen der „analogen“ grünen Tafel den Rücken zu. Gespannt blicken sie auf ein riesiges weißes Beamer-Smartboard und folgen dem Powerpoint-Überblick zum heutigen Tag.

Bestimmung der Blattarten (Foto Gisela Baudy)
Baumblätter bestimmen (Foto G. Baudy)

In drei Kleingruppen meistern die Schüler*innen die erste Übung zur Bestimmung von Birke, Eiche, Linde und Platane anhand von Blättern, Borken und Baumfrüchten. Eine Minifliege kriecht über Damians Schreibtisch unter dem Blatt einer Platane hervor. An der Blatt-Unterseite hatte es sich ein Marienkäfer gemütlich gemacht. In der Nachbargruppe öffnet Samiro die bräunlich-kugelige Platanen-Sammelfrucht: „Was ist denn das für‘n Fell?“ Erstaunt lässt er das Konglomerat von verkletteten, zylindrischen Nüsschen in der Klasse kursieren. „Kann man das essen?

Blattbestimmung (Foto Gisela Baudy)
(Foto Gisela Baudy)

„Naja,“ meint Becker, „giftig sind die Nüsschen nicht, aber sehr hart und insofern ungenießbar.“ Das Unterrichtsgespräch kommt auf die Nutzung von Eicheln als Kaffee-Ersatz und auf Lindenblüten für Tee und junge Linden- und andere Blätter für sogenanntes „Streckmehl“ (Verlängerung für Mehlspeisen).

Ausgefüllte Baumschablone von Silara (Foto Gisela Baudy)
Was leisten Bäume? Ausgefüllte Baumschablone von Silara (Foto G. Baudy)

„Was leisten Bäume eigentlich?“ Becker sammelt auf einer Overhead-Folie die Ideen der jungen Baumforscher*innen in den Blättern einer Baumschablone. „Sie sorgen für gute Luft“, fängt Steven an, „wegen Sauerstoff, und sie speichern CO2.“ Langsam füllt sich der Blätterkranz mit Antworten wie etwa, sie produzieren Früchte für Mensch und Tier, sie sorgen für Abkühlung, sie geben Schatten, sie speichern Wasser, sie liefern Rohstoffe und Medizin usw. Der Referent gibt das gelbe fächerähnliche Blatt eines der ältesten Bäume Chinas herum, des Ginkgos. Wir erfahren, dass sich der deutsche Name direkt von der Blattform ableitet (Fächerblattbaum), dass der Baum als Heils- und Glücksbringer gilt und auch als Klimabaum gehandelt wird –  wie wir am nächsten Projekttag noch sehen werden.

Vortrag zur Straßenbaumsituation in Harburg (Foto Gisela Baudy)
Vortrag zur Straßenbaumsituation in Harburg (Foto G. Baudy)

Tais meldet sich. „Bäume lassen die Blätter fallen und bei Regen rutscht man dann aus.“ Und Ronald ergänzt „Manche Leute haben eine Allergie.“ Becker nickt. „Aber Bäume können auch krank werden oder sogar absterben. Besonders Straßenbäume stehen unter enormem Stress.“

Alle wenden sich wieder dem Smartboard zu und betrachten eine Reihe von Straßenbaum-Bildern in Harburg. Kevin benennt zielgenau die Orte der Aufnahmen. Die Klasse konkretisiert die jeweilige Baumsituation, und Becker ergänzt das harte Leben der Stadtbäume. Dabei geht es um Autoabgase und Streusalz, ständiger Baumbeschnitt zur Fahrbahn hin, hartgetretener, kaum begrünter Erdboden um den Stamm herum, so dass Regenwasser nicht zu den Wurzeln dringen kann, Rohrleitungsarbeiten, die die Wurzeln beschädigen, Hitzestau durch Häuserfronten, vor allem aber Trockenheit, verstärkter Pilz- und Käferbefall durch den Klimawandel.

Recherche per Baumkataster im Computerraum (Foto Gisela Baudy)
Recherche per Baumkataster im Computerraum (Foto G. Baudy)
Getrocknetes Kuchenbaumblatt (Foto Gisela Baudy)
Getrocknetes Kuchenbaumblatt (Foto Gisela Baudy)

Nach der Pause begibt sich die Klasse neugierig auf eine virtuelle Straßenbaum-Safari durch Hamburg und Harburg. Das Hilfsmittel der Wahl ist das Online-Straßenbaumkataster der Stadt Hamburg. Es erfasst den gesamten Straßenbaumbestand, der sich zurzeit auf 223.190 Bäume beläuft. Fast die Hälfte (102.768) davon sind Linden (53.167) und Eichen (49.601). Als erstes forschen die Kinder nach den Bäumen in ihrer Wohnstraße und deren Alter. Eifrig erkunden sie auf der interaktiven Karte auch das Schulumfeld. Nicht allzu weit entfernt von ihrer Schule, in der Kerschensteinerstraße, entdecken sie auch zwei Klimabäume: den Ginkgo und die Zerr-Eiche. Im Milchgrund finden sie einen der 164 Hamburger Baumriesen: eine Stiel-Eiche mit 26 m Kronendurchmesser, einem Stammumfang von 503 cm und dem stolzen Alter von 230 Jahren.

„Marihuana“, grinst Steven, als er nach dem Mittagessen das Blatt einer Rosskastanie in die Hände bekommt. In der Tat sind sich die beiden Blätterarten sehr ähnlich. Mughian fällt bei der Baumhasel die S-Form der Haselkätzchen auf, Ronaldo kämpft mit den stacheligen Fruchtschalen, während Damian Ober- und Unterseite der Kaukasischen Flügelnuss studiert. Zum Schluss machen gelblich-bräunliche Blätter die Runde, die durch ihre Herzform an Lindenblätter erinnern und einen Hauch von Gewürzkuchen verströmen. „Dieses Blatt stammt von einem japanischen Lebkuchenbaum im Göhlbachtal“, erläutert Becker. „Der Baum heißt tatsächlich so. Weil die Blätter im Herbst so lecker nach Anis und Zimt  riechen.“ Und quasi ganz natürlich die Vor-Weihnachtszeit ankündigen.

Stadtgrün zu Besuch. Rechts neben Jürgen Becker Stephan Heyer-Henseleit und Christian Kadgien. (Foto Gisela Baudy)
Stadtgrün zu Besuch. Rechts neben Jürgen Becker Stephan Heyer-Henseleit und Christian Kadgien. (Foto G. Baudy)

Auf dem Schulhof trifft die Klasse auf Stephan Meyer-Henseleit und Christian Kadgien von der Abteilung Stadtgrün des Bezirksamtes Harburg. Sie sind u. a. für die regelmäßige Kontrolle der Harburger Stadtbäume zuständig, veranlassen Pflegemaßnahmen, Fällungen und Nachpflanzungen und sind zudem an wissenschaftlichen (Klima-Anpassungs-) Studien beteiligt.

Baumwunde (Foto Gisela Baudy)
Baumwunde (Foto Gisela Baudy)

„Müssen Sie auch auf Bäume klettern?“ will Silara wissen. Die beiden Herren verneinen lächelnd. „Am Stamm, den Ästen und an der Krone kann man den Gesundheitszustand eines Baumes ganz gut ablesen. Oh, seht mal dort drüben“, Meyer-Henseleit zeigt auf einen Baum auf einem Nebengrundstück der Schule. Er weist einen großflächigen Rindenschaden auf, den er mit einer Schutzschicht zu heilen versucht, um sich gegen Bakterien und Pilze zu schützen. Anderfalls würde er sterben und deshalb sollten auch beim Baumbeschnitt keine großen Wunden entstehen.

Abklopfen der Linde durch Samiro. Am Fuß zeigt sich Baumfäule. (Foto Gisela Baudy)
Abklopfen der Linde durch Samiro. Am Fuß zeigt sich Baumfäule. (Foto G. Baudy)

„Wer möchte mal?“ Meyer-Henseleit und Kadgien bleiben vor einer 35 Jahre alten Linde mit Harzaustritt an einigen Stellen stehen. Samiro greift sich den Schonhammer und klopft auf der Rinde herum. Ob wir hören könnten, dass der Baum hohl sei, fragt Meyer-Henseleit in die Runde. Nicht wirklich. Dann bückt er sich und kramt mit seinem Sondierstab aus einer Höhlung unten am Fuß des Baumes Erde heraus. Sie sieht wie Kaffeepulver aus. „Das hier ist zersetztes Holz aus dem Inneren des Baumes. Der Baum fault von innen. Durch einen Pilz.“

Erklärung des Baumkatasters vor Ort (Foto Gisela Baudy)
Erklärung des Baumkatasters vor Ort. V.l.n.r. hinten: Stephan Meyer-Henseleit und Jürgen Becker (Foto G. Baudy)

Kadgiens erklärt, dass ein Schalltomograph hilft, die Hohlstelle genau zu lokalisieren. Was man denn mit so kranken Bäumen anstelle, wollen die Kinder wissen. Die Antwort: Kronenbeschnitt oder aber Fällung aus Gründen der Verkehrssicherheit. Auf alle Fälle regelmäßige Kontrolle. Auf dem Dienst-Tablet erkennen die Kinder verschiedene Termineintragungen im Online-Baumkataster. „Die Digitalisierung erleichtert unsere Arbeit enorm“, meint Kadgien und erzählt, wie früher solche Daten von Hand in große Karteien eingetragen wurden.

Die Uhrzeiger bewegen sich auf halb zwei zu. Die Aufmerksamkeit der Kinder lässt nach. Sie haben viel gelernt an diesem ersten Projekttag. Es zieht sie nach Hause und die Herren Kadgien und Meyer-Henseleit zurück zu ihrer Arbeit. Jürgen Becker und die beiden Lehrerinnen Frau Boncio und Frau Rowold bedanken sich für die lebendige und aufschlussreiche Baumbegehung und bringen ihre Schüler*innen zurück in ihre Klasse. Randvoll mit inspirierenden Erkenntnissen und Baum-Begegnungen verabschieden wir uns, um unser Material zu sichten.

Fotos: Gisela Baudy
Text: Chris Baudy
Bildungspartner für Nachhaltigkeit

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das Bildungsprojekt Trees for future – Stadtbäume in Zeiten des Klimawandels 
>  Teil II der Projekttage Den Klimabäumen auf der Spur – Schul-Rallye bei LvE
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