Menschenmengen auf der Berliner Mauer Ende 1989 nach dem historischen Mauerfall. Foto: Commons Wikimedia
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Neues vom Nachbarn –
Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Glückwunsch an uns alle: 30 Jahre deutsche Einheit! Daher heute mal eine Wendegeschichte – nicht meine eigene, aber die eines Freundes aus Berlin, und eine richtig gute.

Als am Abend des 9. November 1989 an der Bornholmer Straße das Finale der ostdeutschen Revolution begann und der Riegel des Schlagbaumes gelöst wurde, saß Frank keine 500 Meter entfernt bei Rosi und Tommi im holzvertäfelten Hinterzimmer des Euler-Eck zwischen Hunderten von Vereinspokalen auf Regalen. Dazu kleine Tischdeckchen und grobgewebte Gardinen mit Blumenmustern, die zu jeder Tageszeit das Licht schluckten.
Die Eulerstraße lag damals im von der Mauer eingebauten „Tiefen Wedding“, wie man sagte, dem allerletzten Zipfel West-Berlins, in Sichtweite der DDR. Es war ein Ort, wo nicht viel war, abseits der Hauptstraßen. Pankow war so nah, dass man ein Schnapsglas nach schmeißen konnte.

Es war Donnerstagabend nach dem Training. Bierchen. Skat spielen mit Fußballkollegen. Buletten und Asbach Uralt zum Spottpreis. Vergilbte Gardinen und tote Pflanzen. Fertig. So war das damals im Eck. Als in den Tagesthemen verkündet wurde, dass die Tore in der Mauer weit offenstehen, bekam das im wenige Meter entfernten Euler-Eck allerdings niemand mit. Frank und seine Freunde bestellten noch eine Runde.
Frank war die halbe Nacht im Euler-Eck

Irgendwann, gegen 22 Uhr, stürzten die ersten Leute rein: Die Mauer ist offen! Die Mauer ist weg! Frank und die anderen glaubten es nicht. Kann doch gar nicht sein! Also spielten sie weiter, es wurde gereizt und gedroschen. Erst als die ersten Ost-Berliner auftauchten und Bier bestellten, wussten sie: Kann doch sein!!! Und je weiter es auf Mitternacht zuging, umso mehr wurden es. Wir kommen von drüben! Wir sind aus dem Osten!!

Vom Prenzlauer Berg liefen an diesem Abend Zehntausende über die Bösebrücke in den Wedding. Frank selber ist nicht an der Mauer gewesen. Er blieb die halbe Nacht im Euler-Eck, wo sich immer mehr Menschen drängten, wo gesungen und umarmt wurde. „Alles war total unwirklich“, blickt er zurück, „es war wie im Film. Das werde ich nie vergessen.“
Heute gibt es das Euler-Eck nicht mehr. Irgendwann blieben die Gäste aus, dann war der Laden dicht. In der Eulerstraße 18 ist heute ein Montessori-Kinderhaus. „Die Einheit und der Wendeabend im Eck aber“, sagt Frank, „die bleiben für immer.“

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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