Regenfront über der Müritz. Foto: Leila Paul/Wikimedia
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Es gibt so Tage, an denen wagt man sich besser nicht aus dem Haus, an denen bleibt man am besten im Bett. Decke drüber und warten, bis es vorbei ist. Neulich war so ein Tag: Wind satt. Regen von der Seite. Nass und schmutzig.

Ich denke, Sie wissen, was ich meine. „Schoosterweer“ sagt man im Norden, ein Wetter, das die Schuhe verdirbt, sodass man sie zum Schuster bringen muss. Pausenlos prasselten trächtige Tropfen wie Kleingeld auf die Straße. Grimmig blickende Menschen hüpften hektisch über Pfützen und hasteten weiter. Auch die Farben wollten nicht so recht. Alles hatte sich auf Grautöne reduziert. Ganz flach wirkte die Welt da draußen.

Keine Sprache gibt dem Regen übrigens so viele Namen wie das Schottische. Wer je das Glück hatte, länger in Schottland zu sein, der weiß, dass es dort sehr eigenwillige Ausprägungen von Wetter gibt, und dass die Bewohner dazu in der Lage sind, diese auf ebenso vielfältige wie klangvolle Weise zu beschreiben. Schotten reden gerne über das Wetter.

Jahrhundertelang war das ein wesentlicher Teil des Lebens. Und wenn weit im Norden der britischen Insel zum Beispiel schwarze Wände aus Wolken aufziehen, ist das so, als zöge jemand einen riesigen Vorhang zu. Und dann bleibt dieser Vorhang auch erst einmal zu und geht Tage – vielleicht sogar Wochen – nicht mehr auf.

Die Schotten sprechen dann von bösem Regen, der nichts anderes im Sinn hat, als nass zu machen. Er fällt in kalten, fetten Tropfen und lässt einen schnell daran glauben, dass er nie wieder aufhören wird.

In diese Kategorie passt auch smirr, der gemeine Nieselregen, der dich in wenigen Minuten bis auf die Unterhose durchnässt. Dreich ist der traurige Regen, weil er einfach trist nach unten fällt, ohne verspielte Umwege zu nehmen. „So lange er senkrecht bleibt, stört er mich nicht“, erzählte mir mal ein Schotte, „dann ist es windstill.“ Auch er hatte sich Zeit seines Lebens Gedanken darüber gemacht, wie viele Regensorten es gibt und war auf 23 gekommen.

Regen kann spuckend, wimmelnd und tanzend sein, beschrieb er, aber auch satt, schleichend oder horizontal. Er kann hart und weich sein, dir im Gesicht schmerzen, dich sanft streicheln oder eine wunderbare Massage sein.

Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Mal …

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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