Noch gibt es eine Georg-Bonne-Straße in Nienstedten. Foto: Stahlpress Medienbüro
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Hamburg lässt Straßennamen auf NS-Belastung überprüfen

Volker Stahl, Hamburg-West

Müssen die Plätze, die nach Gerhart Hauptmann und Heidi Kabel benannt sind, umgewidmet werden? Eine von der Behörde für Kultur und Medien eingesetzte achtköpfige Historiker-Kommission soll „einheitliche Entscheidungskriterien für den Umgang mit NS-belasteten Straßennamen in Hamburg entwickeln und gegebenenfalls Empfehlungen zu möglichen Umbenennungen aussprechen“.

Der Dramatiker und die Volksschauspielerin gehören zu den 58 Namensgebern von Verkehrsflächen, deren Lebensläufe David Templin von der Universität Osnabrück im Auftrag des Hamburger Staatsarchivs auf ihre Beziehungen zum Nationalsozialismus untersucht hat.

Gerhart Hauptmann war weder ein Nazi noch ein Regimegegner, befand der Historiker. Heidi Kabel gehörte zwar der NS-Frauenschaft an, aber „Aktivismus jenseits der formalen Mitgliedschaft ist ihr nicht nachweisbar“, schreibt Templin in seinem im November 2017 vorgelegten Bericht.

Nobelpreisträger Bergius bespitzelte Kollegen

Die Zugehörigkeit zur NSDAP galt seit 1985 als einziges Merkmal, dass jemand nicht durch ein Straßenschild geehrt werden kann. Das beträfe etwa den 2014 verstorbenen Schriftsteller Siegfried Lenz, der eine Zeit lang in Othmarschen wohnte. Bei diesem absoluten Ausschlusskriterium müsse es nicht bleiben, erfuhr das Elbe Wochenblatt aus dem Umfeld der Historiker-Kommission, die Ende September erstmals tagte. Die Fragen, die sich bei der Würdigung einer Person stellen, seien vielmehr „sehr komplex“. Neben den eindeutigen gäbe es eine Vielzahl „ambivalenter Fälle“. Im Sinne der Erinnerungskultur könne es angezeigt sein, einen Namen nicht einfach zu tilgen, sondern die Bezeichnung durch ein ergänzendes Schild zu erläutern.

Die meisten der Ausgezeichneten, die nun auf dem Prüfstand stehen, sind vergessen und allein noch als Namenspatron einer Straße präsent. Dass die Bergiusstraße in Ottensen an den Träger des Nobelpreises für Chemie von 1931 gemahnt, dürfte nur wenigen geläufig sein. Friedrich Bergius bekannte sich ausdrücklich zum NS-Regime und bespitzelte im Zweiten Weltkrieg für das Reichssicherheitshauptamt der SS ausländische Wissenschaftler.
„Am Internationalen Seegerichtshof“ heißt seit 1996 ein Abschnitt der ursprünglich Georg Bonne zugeeigneten Straße in Nienstedten. Als die Ansiedlung der Institution anstand, kamen Zweifel an dem Arzt und Schriftsteller auf. Seit 1997 gedenkt ein anderer Teil der Straße des dänischen Architekten Christian F. Hansen. Für Bonne „war der Antisemitismus ein zentraler Pfeiler seines Weltbildes“, stellt der Templin-Bericht fest, und er pflegte einen „ausgeprägten Führerkult“. In diesem Juli beschloss die Bezirksversammlung Altona, Bonne auch den Rest der Straße abzuerkennen. Ebenso soll der Bonne-Park in Bahrenfeld nicht mehr den Verfechter einer „Rassenhygiene“ ehren.

Der 1994 verstorbene Hafenunternehmer Kurt Eckelmann, an den eine Straße in Waltershof erinnert, gehörte zum Stab des maßgeblich am Holocaust beteiligten SS-Obergruppenführers Erich von dem Bach-Zelewski. Eine Mitwirkung Eckelmanns an Massenmorden liegt laut David Templin „im Bereich des Möglichen“, bedarf jedoch noch weiterer Nachforschungen.

Julius Brecht, Namensgeber einer Straße beim Elbe Einkaufszentrum, war als Funktionär der Wohnungswirtschaft mit der Enteignung jüdischen Wohnraums im Zuge der „Arisierung“ befasst.

Die am Anleger Teufelsbrück beginnende Elbpromenade ist nach dem Schriftsteller Hans Leip benannt. Dessen bekanntestes Werk ist der Text zum Welthit „Lili Marleen“. „Anpassung, schriftstellerische Dienstleistungen für NS-Stellen und vereinzelte positive NS-Bezüge gingen einher mit dem Bemühen um eine gewisse (innere) Distanz“, befindet der Templin-Bericht über den gebürtigen Hamburger.

Am Hans-Leip-Ufer liegt der Hindenburgpark. Paul von Hindenburg verhalf den Nationalsozialisten zur Macht, indem er als Reichspräsident im Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Ein Drittel der Hamburger Straßen und Plätze tragen Personennamen. Die 58, deren NS-Belastung nun in Frage steht, sind nach Angabe aus dem Umfeld der Historiker-Kommission nur „ein Ausschnitt“ derer, die neu zu beurteilen wären.

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