Grafik: ARD/www.tagesschau.de
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Neues vom Nachbarn –
Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Ich war mal wieder in Hamburg. Es regnete in Strömen und ich saß in einem Café am Schulterblatt. Mit Maske natürlich. Durch die großen Schaufenster hatte ich einen schönen Ausblick auf die soziale Wirklichkeit, die immer noch sehr viel aufregender ist als die gefühlte Realität in den sozialen Netzwerken.

Ein Obdachloser saß unter einer blauen Plastikplane und las ein Buch. Doch die Plane hatte ein Loch, die Seiten waren schon ganz durchgeweicht. Ein Stückchen weiter setzte eine gigantische Dogge einen gigantischen Haufen auf den Gehweg. Ein Kind rief nach seiner Mutter. Direkt vor dem Fenster stoppten fünf Polizisten einen Mann mit schwarzer Haut auf einem Fahrrad. Sie kontrollierten seine Papiere, dann das Rad. Sie wollten wissen, wo er es gekauft und wieviel es gekostet hatte.

Die Themen vor 20 Jahren: Kriege, Regenwald und Klimaschlutz

Alles wie immer, dachte ich, eigentlich hat sich nicht viel verändert – was natürlich nicht stimmte, da wir ja jetzt Corona haben, was wir vorher nicht hatten. Und dann erinnerte ich mich auch daran, dass ich vor wenigen Tagen eine dieser Tagesschauen von vor 20 Jahren gesehen hatte.

Kennen Sie die Sendungen von damals, die meist sehr spät in der Nacht wiederholt werden? Es sind 15-minütige Reisen in die Vergangenheit. Wie sah die Welt vor 20 Jahren aus? Was für Farben und Muster hatten die Krawatten und Kostüme der Sprecher und Sprecherinnen? Es sind Erinnerungen an eine Zeit, die so ganz anders war.

Nur die Nachrichten waren nahezu identisch. Viel Politik. Viel Elend. Viel Krieg. Als würde man in einer nicht enden wollenden Schleife aus Wiederholungen feststecken. Ja, so ist das Leben, dachte ich. Ist so das Leben?

In dieser 20-Uhr-Ausgabe aus der Konserve ging es übrigens um das Sterben des Regenwaldes am Amazonas. Es ging um den Klimawandel. Politiker versprachen hoch und heilig, dass Deutschland nun endlich alle Anstrengungen unternehmen werde, das Internet schneller zu machen und in alle – wirklich alle – Dörfer zu bringen. Und es ging um die Ozeane dieser Welt. Es fielen Worte wie Überfischung, steigende Meeresspiegel und Plastikmüll. Und mich beschlich das seltsame Gefühl, dass man die Nachrichten von damals auch heute hätte senden können.

 

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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