Savas Coban hat sein Ziel erreicht. Foto: Coban.

Savas Coban brauchte für seine 3.247 Kilometer-Tour 32 Tage

Sabine Langner, Hamburg-Süd
Die Lippen sind aufgesprungen, Haut ist verbrannt, jede Zelle des Körpers schreit nach Wasser. Aber es gibt kein Wasser mehr. Die sieben Liter Tagesration sind aufgebraucht. Es gibt auch keinen Schatten. Mit mehr als 45 Grad Celsius brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel herunter.
Ein junger Mann liegt auf dem Gipfel eines 1.800 Meter hohen Berges mitten im spanischen Nirgendwo. Er denkt über den Tod nach und darüber, wie unglaublich wütend seine Mutter wohl sein wird, wenn sie ihn hier sehen könnte. Der Gedanke an seine Familie ist es auch, der ihn wieder auf die Beine bringt und weiterfahren lässt.
„Ich habe in einigen Kilometern Entfernung ein Haus gesehen und hatte nur noch einen Gedanken: Du musst dort hin. Die haben bestimmt Wasser‘“, erinnert sich Savas Coban. Der Harburger legte 3.247 Kilometer in 32 Tagen auf dem Fahrrad zurück. Seine Tour führte ihn von Harburg über die Niederlande, Belgien und Frankreich bis ins spanische Sevilla.
Dabei hatte der heute 27-Jährige zuletzt als Jugendlicher mit zwölf Jahren auf einem Rad gesessen. Coban, heute ausgebildeter Fitnesskaufmann und Peronal-Trainer, hatte sich andere Sportarten gesucht.
Mitten in der Corona-Krise sagte er sich: „Ich brauche eine Challenge. Was wäre das Krasseste, was ich mir vorstellen könnte?“ Der junge Mann mit türkischen Wurzeln dachte, Radfahren wäre eine gute Idee. Kurzerhand kaufte er sich bei eBay ein gebrauchtes Fahrrad, deckte sich mit Helm, Satteltaschen und Radlerhosen ein und startete seine Tour. Ohne Training, ohne jede weitere Vorbereitung, ohne Radkarten.
Die erste Etappe führte ihn zu seiner Familie nach Bremen. „Das war leicht. Das sind ja nur rund 90 Kilometer schnurgeradeaus ohne Berge“, berichtet Savas. Bei den Eltern ließ er noch ein bisschen überflüssiges Gepäck zurück, und dann gings richtig los. Auf seinem Handy schaute er sich jeden Morgen an, wo sein nächstes Etappenziel liegt. Sonnenaufgang saß er auf dem Sattel, das Ziel Sevilla, wo er ein Jahr lang bei einer Gastfamilie gelebt hat, immer vor Augen.
„Bis zur französischen Grenze lief alles gut, aber dann wurde das Wetter schlecht“, erzählt Savas Coban. „Ich hatte Regen und Gegenwird – das war kein Spaß. Und die Franzosen sind so stur, was ihre Sprache betrifft. Ich spreche Deutsch, Spanisch, Englisch und Türkisch – aber kein Französisch. Die Leute haben mich meisterhaft ignoriert – bis zu meiner ersten Panne.“
Der Vorderreifen platzte. Eine Minikamera zur Dokumentation der Reise, mehrere Powerbanks, damit ja das Handy nicht ausfällt – alles hatte Savas dabei. Aber kein Flickzeug, weil er damit ohnehin nichts anfangen kann. Das nächste Dorf war drei Stunden Fußmarsch entfernt. Also machte er sich auf den Weg. Eine Werkstatt fand er in dem Dorf nicht, auch kein Hotel. Die Rettung kam in Form eines älteres Ehepaars. „Die haben gesagt, wenn ihr Sohn in Schwierigkeiten wäre, würden sie auch hoffen, dass ihm jemand hilft. Dann haben sie mich in ihr Auto eingeladen und sind so lange mit mir gefahren, bis ich ein Zimmer für die Nacht hatte“, erzählt Savas Coban begeistert. Am nächsten Morgen hat ihm eine ältere französischen Dame geholfen, eine Fahrrad-Reparaturwerkstatt zu finden. „Das war eines meiner kleinen Wunder, die ich auf der Reise erlebt habe“, erinnert sich der „Chaos-Radler“.
Es folgten noch zwei Pannen. Aber Coban fand jedes Mal Menschen, die ihm halfen. Nach 32 Tagen erreichte er sein Ziel. Als er das Ortsschild Sevilla entdeckt, machte er eine für ihn seltsame Entdeckung: „Ich war einerseits unglaublich stolz auf mich und habe mich riesig gefreut. Gleichzeitig fühlte ich mich seltsam leer. Es ist ganz komisch, wenn man von einem Dauer-Adrenalin-Hoch plötzlich herunterfahren und entspannen kann.“
Eine Woche blieb Savas Coban noch in Sevilla. Er feierte mit seiner Gastfamilie. Zurück ging es per Flugzeug. Fahrrad, Satteltaschen und Helm deponierte er in Sevilla. „Ich träume davon, so etwas noch einmal zu machen“, erzählt der Sportler. „Dann würde ich in Sevilla starten, Richtung Afrika aufbrechen und Spenden sammeln, um mit dem Geld ein Brunnenprojekt in Afrika zu unterstützen.“

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