Foto: Panthermedia
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Unser erstes Treffen lag 15 Jahre zurück. Damals lernten wir uns für eine Magazin-

Oliver Lück. Foto: www.heiderose-gerberding.com

Geschichte kennen – er, der Flüchtling, und ich, der Journalist. Doch dass er nun noch immer in Deutschland ist, erscheint fast wie ein Wunder.

George sagt: „In Hamburg fällt man nicht so auf. Ich kann anonym bleiben.“ Eine große Stadt kann helfen, einen Menschen zu verschlucken, sie hilft ihm dabei, ein verborgenes Leben zu führen. Man sieht den Leuten ihre Geschichte ja nicht an, wenn man an ihnen vorbeiläuft, im Schanzenviertel, auf der Reeperbahn, unten am Hafen. Auch George Jalo, der eigentlich anders heißt, kann sich hier viel freier bewegen als in einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt.

George ist 1983 in Greenville geboren, einer liberianischen Hafenstadt. 1989 versank das Land in Anarchie. Bürgerkrieg. Die Menschen liefen Amok. Eine Million Menschen flüchteten. Über 250.000 wurden ermordet. Als blinder Passagier an Bord eines Frachters kam George nach Hamburg.

Später lebte er auf einem Wohnschiff auf der Elbe. Er wartete. Tage, Wochen, Monate. Dann wieder: Tage, Wochen, Monate. Vier Jahre wartete George darauf, dass etwas passierte. Dass jemand käme und ihm sagte, er dürfe bleiben, eine Arbeit suchen. Dann aber sollte er abgeschoben werden und tauchte unter.

Und so ist es illegal, wenn George über die Straße geht. Es ist illegal, wenn er mit Leuten spricht. Es ist illegal, wenn er atmet oder aus dem Fenster guckt. Er darf nicht sagen, was er will. Er muss Streit vermeiden, selbst wenn er im Recht ist. Doch wie soll das gehen als Mensch mit schwarzer Haut in Deutschland? „Ich bin der schwarze Mann“, sagt er, „ich bin das Fremde in Person, selbst in einer Stadt wie Hamburg.“

Immer wieder bekommt George Aushilfsjobs in Restaurants. Teller, Töpfe und fettige Pfannen schrubben, Gemüse putzen und den Boden wischen. Er weiß nicht mehr, wie viele es in den letzten Jahren waren. Den Lohn bekommt er immer in bar. Eine Werbeagentur engagierte ihn mal als Weihnachtsmann. Ein Schwarzer, der mit weißem Bart Geschenke bringt – der Chef der Agentur fand das witzig. George sagt: „Kein Problem, es gab gutes Geld.“ Und dann ging er, ohne ein Wort zu sagen. Ein Mensch ohne Papiere ist ein Mensch ohne Rechte.

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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