Walter Wulf mit seinen Elefanten Foto: pr
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Bürgerreporter Peter Wulf hat die Memoiren seines kleinwüchsigen Vaters Walter Wulf als Buch herausgebracht

Christiane Handke-Schuller, Hamburg-West
Er war eine große Persönlichkeit. Mit 18 Jahren kam Walter Wulf aus Schleswig-Holstein zur Ausbildung nach Hagenbeck  –  zum Zirkus Hagenbeck, den es heute nicht mehr gibt.  „Damals  war ich kleiner als ein Sechsjähriger – und sah auch so aus. In der Straßenbahn hieß es immer: Steh’ mal auf und lass die Erwachsenen sitzen. Und der Schaffner sagte, ich darf nicht allein auf dem Perron stehen – nur in Begleitung eines Erwachsenen.“ In seiner Autobiografie „De lütt Wulf“ berichtete er: „Wütend! Dass die Leute nicht genau hinsahen und erkannten, dass ich erwachsen war!“
In seiner Ausbildung bei Hagenbeck zeigte sich: Walter Wulf, hier 18 Jahre alt, hatte eine natürliche Begabung im Umgang mit Tieren. Foto: pr

Mit 18 Jahren und 104 Zentimetern begann er bei Hagenbeck. Weitergewachsen ist er bis zum Alter von 35 Jahren. Als Walter Wulf 2017 87-jährig starb, maß er 145 Zentimeter. Sein Sohn Peter Wulf hat die „Autobiografie eines Kleinwüchsigen“ nun als Buch veröffentlicht.

Wulf schrieb auch auf, was er im Zweiten Weltkrieg erdulden musste. „Unter Hitler galt ich als unwertes Leben. Kinder, die wie ich waren: klein, oder verwachsen oder geistig krank – das waren alles Fresser, die nichts brachten für Volk und Vaterland, die mussten weg. Walter, haben die gesagt, du bist so klein, du kommst jetzt mal mit, wir müssen dich untersuchen. Und ich hab gedacht: Gut, denn man los! Ich bin freiwillig mitgegangen.“ De lütt Wulf, wie er in seinem Heimatdorf Altenkrempe genannt wurde, war 1942 zwölf Jahre alt und noch nicht einmal einen Meter groß.
Die sechs Monate danach wird Walter Wulf nie vergessen. In einem großen schwarzen Auto wurde er in eine „Klinik“ nach Kiel gefahren und dort mit drei anderen Jungen in ein Zimmer gesperrt. Fenster verklebt, kein Türgriff an der Innenseite der Tür. Vier Betten, ein Tisch, kein einziger Stuhl. Wochenlang saßen die Kinder auf dem Fußboden, lehnten sich mit dem Rücken an die Betten, hatten nichts am Leib außer Nachthemd, Turnhose und Pantoffeln.
Nach den „Untersuchungen“ beim Arzt wachte Walter aus der Bewusstlosigkeit auf, mit roten und blauen Markierungen am Körper, deren Sinn er nicht verstand. Nach jeder Untersuchung ging es ihm schlechter. Wer fragte, bekam Ohrfeigen. „Es war ein Kinder-KZ“, so Wulf. Dieser Hölle entkam er nach einem halben Jahr – nur durch großes Glück und den Einfluss eines Ehepaares, das den kleinen Wulf ins Herz geschlossen und in der Partei etwas zu sagen hatte. „Was aus den anderen geworden ist? Ich habe es nie erfahren. Später habe ich den Vater getroffen von einem Jungen, der bei mir im Zimmer war. Der sagte, er habe Nachricht bekommen, sein Sohn sei bei einem Bombenangriff gestorben. Ich hab später nachgeforscht: In dieser Gegend von Kiel ist nie eine Bombe runtergekommen.“
Unwertes Leben? In Altenkrempe, wo Walter aufwuchs, dachte das keiner. Walter war der Älteste von acht Geschwistern, fleißig und findig, als einziger in der Familie kleinwüchsig.
„Liebe Liliputaner, ich bleib’ zu Hause und heirate“
Gelernt hat er bei Hagenbeck Tierdressur und Artistik. Schnell erwies sich: Walter Wulf hatte ein Herz und ein Händchen für Tiere. Und die dankten es ihm. De lütt Wulf wurde mit seinen Auftritten in der Manege berühmt, seine Tiernummern suchten ihresgleichen.
Walter Wulf und sein Sohn Peter 2014. Die Memoiren hatte der Vater erzählt und der Sohn mit ihm zusammen aufgeschrieben und bebildert. Nun hat der Sohn sie als Buch herausgebracht. Foto: ch

1953 wechselte er zu Schneiders Liliputaner Zirkus, einer fahrenden Revue, die ausschließlich mit kleinen Menschen arbeitete. Dort lernte er Ilse, eine wunderschöne Artistin, 1,65 Meter groß, kennen. Und Ilse liebte ihn. Es kam zum Krach mit Zirkusdirektor Schneider, der Ilse fragte: „Schöne Frau, was finden Sie bloß an dem kleinen Gnom?“ Walter Wulf grinst noch heute, wenn er erzählt, was dann passierte: „Sie hat ihm gesagt, der kleine Gnom sei ihr lieber als jeder andere. Und hat ihn angespuckt.“ Schweren Herzens ließ er 1958 seine Ponies zurück und sagte seinen Mitarbeitern: „Liebe Liliputaner, ich bleib’ zu Hause und heirate meine Ilse.“ Es wurde, bis zu Ilses Tod 1997, eine lange, glückliche Ehe.

Auch als sesshafter Mensch blieb „de lütt Wulf“ erfolgreich und kreativ, arbeitete bei Coca Cola und bei der Holsten Brauerei, zuletzt als Schildermaler. Aber das ist eine andere Geschichte… Sein Sohn Peter, der seinen Vater in der Größe am Tag der Einschulung überholt hat, und heute 1,90 Meter groß ist, pflegte ihn bis zu seinem Tod. Wie war es, so einen kleinen Vater zu haben? Peter: „Darüber habe ich mir nie auch nur einen einzigen Gedanken gemacht.“
❱❱ „De lütt Wulf“,
108 Seiten,
Books on Demand, ISBN 9783751950022,
9,90 Euro

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