Ilustration des Artikels
Zufallsfund im Stadtteilarchiv Ottensen, die Zerstörung der Straßenzüge um den Münzmarkt und viele offene Fragen (Foto: StArO)
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Ein Zufallsfund im Stadtteilarchiv Ottensen, die Zerstörung der Straßenzüge um den Münzmarkt und viele offene Fragen

Knippstraße? Oder vielleicht Kruppstraße? Diese Straßennamen gibt es heute nicht mehr, aber welchen mag es im Sommer 1943 gegeben haben?

Ich bewege mich in einer „verschwundenen“ Stadt: die Straßenzüge rund um den damaligen Münzplatz wurden im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. In diese Zeit tauche ich ein als Praktikant im Stadtteilarchiv Ottensen e.V. ein. Als Student der Empirischen Kulturwissenschaft interessiere ich mich schon länger für das Gebiet der historischen Altstadt Altonas im Bereich des heutigen Grünzuges Neu-Altona, als Praktikant habe ich nun die Möglichkeit, mich intensiver damit zu beschäftigen.

In einem Archivschrank stieß ich u.a. auch auf Aufzeichnungen in Form von Schadensprotokollen der Bombardierungen Altonas. Der Autor ist unbekannt, wir wissen nur, dass er vom 30. April 1944 bis zum 8. April 1945 fast täglich Sach- und Straßenschäden protokollierte. Angaben zu den Opfern fehlen gänzlich. Es fiel auf, dass die Straßennamen nur zum Teil gebietsmäßig zusammenhängend erfasst wurden. Was für eine Einreichung verschiedener Berichte sprechen könnte, auch die Diktion scheint für eine Zusammenfassung zu sprechen. Das kleine, linierte DinA5 Heft, beschrieben in Sütterlin-Schrift, möchte ich durch meine Transkription erhalten und erschließen, also einem interessierten Publikum zugänglich machen. Gerade im Fall von historischen Handschriften bleiben jedoch noch einige Ungereimtheiten offen. Vielleicht kann jemand Sütterlin noch fließend lesen? Für Hilfe beim Entziffern wäre ich sehr dankbar.

Warum nur wurde der Bereich der Altstadt mit Ausnahmen von dort befindlichen Plätzen und Bunkern gar nicht mehr erwähnt? Vermutlich weil es dort nach der Nacht zum 25. Juli 1943 kaum noch intakte Häuser gegeben hat. Das Gebiet wurde auf der Schadenskarte nach eben jener ersten Angriffswelle als „unbelebte Zone“ markiert.

In der Literatur wird die Bombardierung der Altonaer Altstadt meist nur am Rande erwähnt, der sich auf einen großen Teil des Westens Hamburgs bezieht.  Die Altstadt scheint deshalb nicht nur physisch, sondern auch aus dem kollektiven Stadtgedächtnis wie ausgelöscht.

Über die Opferzahlen der ersten Angriffswelle der Operation Gomorrha ist wenig bekannt. Generell kann die Gesamtzahl nur geschätzt werden. Man geht von 34.000 Toten und 125.000 Verletzten Hamburg weit aus. Wie viele Altonaer darunter waren, weiß niemand.

Da man bei der Recherche in den Geschichtswerkstätten auf unzähliges interessantes Material stößt, ist die Gefahr groß, dass man vom eigentlichen Weg abkommt. So fanden sich neben verschiedenen Kartierungen der Schäden auch eine Schadensmeldekarte, die wieder andere Informationslücken ergänzt: Am 18.08.1943 hatten zwei Brüder einen so genannten „Totalsachschaden“ in der Wohlers Allee gemeldet und mit einer Postkarte von der Stadtverwaltung bestätigt bekommen. Über einen Nachlass kam diese Karte ins Archiv und gelangte in meine Hände, 77 Jahre später.

Auch fand sich, neben einigen Zeitzeugenberichten eben jener Nacht, ein weiteres Notizbuch mit der (handgeschriebenen) Aufschrift „Luftschutz“ in den Hängeregistern des Archivs.
Hier sind die Bewohner einzelner Häuser mit Geburtsdaten und zum Teil mit dem Zusatz „Feuerwehr“ und „Wehrmacht“ festgehalten. Der Autor war offenbar verantwortlich für den Luftschutzbunker und die Menschen, die darin Zuflucht suchten. Das Buch „Der Bau von Schutzräumen für den Luftschutz der Zivilbevölkerung“ entstammt auch diesem Konvolut.
„Ich komme vom Luftschutz, ob die Bewohner dieser Wohnung schon eine Gasmaske besitzen“ steht auf einer Notizbuchseite, quergeschrieben. Ob er diesen Text im Bunker während des Bombenangriffs vorgezeigt hat, um seine Aufgaben als Luftschutzwart zu erfüllen? Oder hat er einen Text vorformuliert, den er in die Briefkästen stecken wollte?

Besonders tragisch erscheint mir die Tatsache, dass die Auslöschung der Altstadt auf falsch gesetzte Zielmarkierungen in der Vorbereitungsphase des Luftangriffes zurückgeht, wie ich der Fachliteratur in der hiesigen Bibliothek entnehmen konnte.

Viele Fragen bleiben offen und immer neue stellen sich, je tiefer man eintaucht. Das Stadtteilarchiv Ottensen und andere Geschichtswerkstätten stehen Interessierten zur Recherche offen. Egal, ob man mehr über einen Straßennamen erfahren oder sich durch die Geschichte stöbern möchte – ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

Text: Oliver Timm

Kontakt: Stadtteilarchiv Ottensen e.V. Geschichtswerkstatt für Altona

Zeißstraße 28, 22765 Hamburg

info@stadtteilarchiv-ottensen.de

www. stadtteilarchiv-ottensen.de

Detailansicht
Fundstücke im Stadtteilarchiv Ottensen (Foto: StArO)

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