Das Krankenhaus Groß-Sand ist als Betriebskrankenhaus der Hamburger Wollkämmerei am Reiherstieg entstanden. Ein besonderer Blick auf die speziellen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen vor Ort zeichnet das Krankenhaus und seine Mitarbeiter bis heute aus. Foto: cvs
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Olaf Zimmermann, Wilhelmsburg. Wegen der ungewissen Zukunft des Wilhelmsburger Krankenhauses Groß-Sand herrscht auf der Elbinsel helle Aufregung. Auch der Beirat für Stadtteilentwicklung und der Verein „Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg“ kämpfen für den Erhalt der Klinik. Lutz Cassel (Beirat) und Manuel Humburg (Zukunft Elbinsel) haben den Gesundheitspolitikern in der Hamburgischen Bürgerschaft die Wilhelmsburger Positionen auf vier Seiten verdeutlicht. Ihre zentrale Botschaft: Gesundheit darf keine Ware sein, Wilhelmsburg und sein Stadtteil-Krankenhaus Groß-Sand gehören untrennbar zusammen.
Die wichtigsten Punkte aus dem Schreiben an die Gesundheitspolitiker:

– Wilhelmsburg ist einer der am stärksten wachsende Stadtteile Hamburgs. Die Einwohnerzahl wird bald die 80.000 überschreiten. Dazu kommen noch die Veddel und andere angrenzende Gebiete. Während es in Hamburg nördlich der Elbe 40 Krankenhäuser gibt, werden südlich der Elbe fast 300.000 Menschen von zur Zeit nur drei Krankenhäusern versorgt.

– Die Insellage, die Nähe zu Gewerbe, Industrie und Gefahrgut-Betrieben und die die Elbinsel querenden großen Verkehrstrassen erfordern ein leistungsfähiges Notfall-Krankenhaus vor Ort. Nirgendwo in der Stadt liegen Wohngebiete sowie Gewerbe und Industrie so nah beieinander wie auf der Elbinsel. Die Wohngebiete sind geradezu umzingelt von Gefahrgutlagern und Gefahrgutbetrieben.

– Seit Jahren gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen ambulanter und stationärer Medizin in Wilhelmsburg.
Viele der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte im Stadtteil arbeiten schon jetzt am Limit. Das liegt an der, im Vergleich zu anderen Stadtteilen, geringeren Arztdichte. Anhaltend hohe soziale Problemlagen und Sprachbarrieren bei vielen Patienten erfordern von den Ärztinnen und
Ärzten hohe psychosoziale Kompetenz und großen Zeitaufwand. Da kann es keine Konkurrenz mit dem Krankenhaus geben. Die Angebote ergänzen sich.

– „Groß Sand“ ist für die meisten Wilhelmsburger fußläufig erreichbar und steht im Notfall Tag und Nacht bereit. Es gibt in Wilhelmsburg bei allen Bevölkerungsgruppen ein großes Vertrauen zu ihrem Stadtteilkrankenhaus. Vertrauen ist die Basis für Stadtteilgesundheit, die sich Hamburg mit dem Programm „Gesunde Stadt“ zum Ziel gemacht hat. Bei Corona zeigt sich dies in besonderer Weise.

– Die derzeitige Krankenhausfinanzierung über Fallpauschalen setzt vor allem kleine Krankenhäuser unter Druck. Sogenannte Gesundheitsökonomen fordern deshalb die Konzentration auf profitable Bereiche und damit die Abwicklung von 800 der 1.400 deutschen Krankenhäuser. Nach der Erfahrung mit der Corona-Pandemie wirkt die Position heute absurd. Richtig ist, dass Herzinfarkte und Schlaganfälle geeignete Zentren mit Herzkatheter und Stroke-Units benötigen. Auch schwere Unfälle und Krebserkrankungen werden auch heute schon in spezialisierten Kliniken behandelt. Das betrifft aber nur relativ wenige Patienten.
Die Aufgaben der Krankenhäuser der Grund-und Regelversorgung entfallen dadurch bei weitem nicht. Sie behandeln Unfälle, Infektionen, Blutungen, Diabetes, Erkrankungen der Atemwege, Medikamentennebenwirkungen, Vergiftungen, Bluthochdruck und psychische Ausnahmezustände. Das gelingt wohnortnah besser und kostengünstiger.

– Seit 2004 sind Krankenhäuser in Hamburg außer dem UKE nicht mehr in öffentlicher Hand. Trotzdem sind im aktuellen Hamburger Koalitionsvertrag für die Krankenhausfinanzierung zwei Milliarden Euro vorgesehen. Die Stadt ist
weiterhin für Neubau und Unterhalt der Infrastruktur der privaten Krankenhäuser verantwortlich. Für den Neubau des AK Altona stellt die Stadt 400 Millionen Euro bereit. Warum gibt’s kein Geld für Groß-Sand? Auch hier muss Hamburg Verantwortung übernehmen.

Was sagen Ärzte zur drohenden Schließung?

Angela Dietz, Wilhelmsburg. Noch immer ist das drohende Aus für das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß Sand nicht abgewendet. Es fehlt an finanziell tragbaren Konzepten. Was sagen im Stadtteil niedergelassenen Ärzte zum drohenden Verlust?
„Das ist überhaupt nicht gut!“, sagt Dr. Alexandra Rogoll, Hausärztin und Palliativmedizinerin auf der Elbinsel. Das Krankenhaus sei in mehrfacher Hinsicht wichtig für den Stadtteil. Groß Sand leiste sehr gute Arbeit in allen Abteilungen. Die Ärztin betont, wie wichtig die langjährige Erfahrung der dortigen Ärzteschaft mit Migranten sei. „Es gibt dort Ärzte, die selbst einen Migrationshintergrund haben!“ Das sieht Dr. Peter Witzel, Arzt in der Diabetes-Schwerpunktpraxis und im Vorstand des Vereins „Wilhelmsburger Ärzteschaft“ genauso.
Der Kontakt zwischen Arztpraxen und Chefärzten im Krankenhaus sei sehr gut, erzählt Hausärztin Dr. Petra Köster-Meyer. „Wir arbeiten sehr gut gemeinsam im Qualitätszirkel des Stadtteils.“ In anderen Krankenhäusern könne man auch anrufen, aber man kenne die Kollegen eher nicht.
„Wir kennen die Chefs alle persönlich“, erläutert Köster-Meyer. Auch Witzel lobt die „kurzen Dienstwege“ und die gewachsene, vertrauensvolle Zusammenarbeit. „Wenn im Krankenhaus eine internistische Frage auftaucht, werde ich angerufen“, erzählt er von seiner täglichen Arbeit als Spezialist.
Überregional bekannt ist das Krankenhaus Groß Sand auch für seine Geriatrie (Medizinbereich für den älteren Menschen) inklusive ambulanter Versorgung älterer, erkrankter Menschen. „Da gibt es oft die Notwendigkeit einer Komplex-Behandlung“, erläutert Mediziner Witzel. Daran sind viele Ärzte und weitere Fachleute beteiligt, die an verschiedenen Stellen im Stadtteil sitzen, aber eng zusammenarbeiten. „In dem Bereich gäbe es einen ungeheuren Kompetenzverlust“, sagt er zu den Konsequenzen, die eine Schließung von Groß Sand aus seiner Sicht hätte. Aus ganz Hamburg gäbe es Einweisungen in die hiesige Geriatrie.
Grundsätzlich ist das Krankenhaus zuständig für die Grund- und Regelversorgung, hat aber ebenfalls eine Notaufnahme. Was, wenn im nahegelegenen Hafen und der Industrie Unfälle passieren? Der Weg zu den Krankenhäusern in Harburg oder nach St. Georg ist weit. Witzel fragt außerdem, ob die dortigen Notaufnahmen ohne Groß Sand nicht noch mehr „überlastet“ würden. „Es ist eine politische Entscheidung,“ kommentiert er die ungeklärte Situation

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