Veganer Dinkel-Bratling, fertig gebraten, mit Mais, Zwiebel und Räucher-Tofu. Foto: Wikimedia/Sujalajus
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Es ist noch gar nicht lange her, keine 35 Jahre, da wurde meine Mutter von meinen Freunden komisch angeguckt. Sie hatte Frikadellen mit den Worten serviert: „Ist ohne Fleisch. Guten Appetit!“ Die Verwirrung war groß. Für eine kleine Ewigkeit herrschte eine ratlose Stille, sahen die befremdlichen, grünlichen Buletten ja auch ganz anders aus als sonst. Sie waren aus Grünkern. „Dann sind das auch keine Frikadellen“, war die einhellige Meinung, „Frikadellen müssen aus Fleisch sein. Sonst zählt das nicht!“

Heute werden vegane Rezepte in den vielgeklickten Foodblogs als „trendy“ und „innovativ“ abgefeiert: „Bolognese aus Blumenkohl! Wie abgefahren ist das denn!?“ Fleisch durch Gemüse oder Getreide zu imitieren, ist nicht neu und spaltet die Lager wie die Frage, ob man sein Kind impfen lassen sollte oder nicht. Essen ist hochemotional. Was dem einen nicht in die Küche kommt, ist für den anderen das einzig sinnvolle Mahl.

Für viele gilt die Veggie-Wurst oder das vegane Hack noch immer als Widerspruch. Unter den Artikeln im weltweiten Web finden sich daher schnell mal 600 und mehr Kommentare. Doch wer die Beiträge liest, merkt sehr schnell, dass die Ausgangsfrage selten sinnvoll besprochen, sondern überwiegend eindimensional im „Ich, ich, ich“-Duktus verläuft oder gar in wüsten Beschimpfungen endet. Viele Menschen sind fleischsüchtig. Sie haben Angst vor einem fleischlosen Dasein. Und diese Angst ist derart groß, dass rationale Argumente komplett verdrängt werden.

Andererseits: Mit falschem Fleisch lässt sich viel echtes Geld verdienen. Restaurants und Supermärkte überbieten sich mit Angeboten für vegetarische Burger – saftig, blutig, fleischlos. Und während diese als gesünder, nachhaltiger und ethisch besser als die Originale angepriesen werden, sehen Kritiker in ihnen hochverarbeitete künstliche Lebensmittel und gestylte Scheinprodukte. Vor allem aber macht die Suche nach Ersatz eines deutlich: Wie tief Fleisch und seine Symbolik in unserer Gesellschaft verankert sind.

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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