Hier zogen sich die Spieler in der Frühzeit des Fußballs um. Ein Foto des 1899 erbauten Gebäudes neben dem Exerzierplatz. Foto: Archiv Stahlpress

Serie Altona historisch: Der „Exer“. Über die jahrzehntelange Recherche eines fußballhistorisch bedeutsamen Ortes – Teil 1

Volker Stahl, Hamburg-West

Unverhofft kommt oft. Beim Durchblättern der Postkartensammlung im Altonaer Stadtarchiv fällt mir kürzlich eine im Jahr 1913 gestempelte Postkarte mit „Gruss aus der Schutzhalle Altona, A. Kreeck“ in die Hand – eine absolute Rarität, die das Sammlerherz hüpfen lässt. Zu sehen ist ein von Bäumen umsäumtes Gebäude, das in der Frühgeschichte des Hamburg-Altonaer Fußballs eine enorme Bedeutung hatte. Sitzbänke aus Holz laden zum Verweilen ein, an der Wand hängen zwei Emaille-Schilder mit Werbung für Bier aus der Holsten-Brauerei.

Ein wichtiges Detail: Auf einem mir bekannten, rund zehn Jahre älteren Foto sind die Bäumchen erst frisch gepflanzt und die Schilder werben noch für „Teutonia Bier“. Diese Marke hatte junge Handwerkerburschen in Altona einst bei der Namensgebung des Schlagballvereins SC Teutonia 1910 inspiriert. Bisweilen wird Geschichte am Biertresen geschrieben.

Auf dem „Exer“ lagerten die Torstangen

Die 1899 erbaute Schutzhalle firmierte unter der Adresse „Auf dem Exercierplatz“ und gehörte der Familie Kreeck, deren jüngste Sprösslinge vom Balkon im ersten Stock den Fotografen keck anschauen. Das in anderen Quellen auch als „Schutzhütte“ oder „Erfrischungshalle“ bezeichnete Gebäude war von der Altonaer Stadtverwaltung errichtet worden, damit sich Fußballer, die auf dem „Exer“ ihre Meisterschaftsspiele austrugen, umziehen konnten. Auch Torstangen, Bälle und Buffer waren dort untergebracht.

Erst wenige Wochen, bevor ich besagte Postkarte in Wolfgang Vacanos Altonaer Stadtarchiv fand, hatte ich in alten Altonaer Adressbüchern recherchiert. Im Adressbuch von 1904 stand, dass die Halle dem „Polizeisergeant a.D.“ J.G.A. Kreeck gehörte. Auf dem jüngeren Bild war die „Wirtschaft“ bereits auf seinen Sohn M.J.A. Kreeck übergegangen.

Der im Jahr 1890 nach Altona eingemeindeten Stadtteil Bahrenfeld gelegene Exerzierplatz – zu finden nördlich der Friedhöfe Diebsteich und Bornkamp (früher: Alter und Neuer Altonaer Friedhof) – ist mehr als nur ein lokalhistorisch bedeutsamer Ort. Hier fand nicht nur am 31. Mai 1903 das Endspiel zur ersten deutschen Fußballmeisterschaft statt – das in den 1890er-Jahren von den Altonaer Behörden in Absprache mit dem preußischen Militärfiskus freigegebene Gelände wurde zum „Spiel- und Sportplatz“ umgewidmet. Diese Information hatte ich vor Jahren einem Stadtplan von 1907 entnommen, den ich im Stadtteilarchiv Ottensen fand. Der entscheidende Hinweis war von Andreas Meyer gekommen. Bis der Hamburger Fußballstatistiker mir den Tipp gab, hatten viele den alten Endspielort am heutigen Kaltenkircher Platz verortet, der frühen Heimat vom FC Union 03.

Seit knapp drei Jahrzehnten bin ich der Hamburger Fußballhistorie auf der Spur. Das Aufspüren des Endspielorts und die mühsame Suche nach Informationen rund um den historischen Kick sind eine besondere Herausforderung, weil die Sportgeschichte Hamburgs bis heute nahezu unbearbeitet ist. Viel mehr als Einzeluntersuchungen und Vereinschroniken liegen nicht vor.

❱❱ Fußballbuchautor Volker Stahl („Fußball-Lexikon Hamburg“, „Die Olympiasieger von der Allee. Die Geschichte des SC Teutonia 10 aus Altona“) hat zusammen mit Journalisten und Historikern einen Arbeitskreis zur Erforschung der Hamburger Sportgeschichte gegründet. Die Initiative bittet um die Zurverfügungstellung historischer Dokumente zum Thema: Fotos, Zeitungsausschnitte, Broschüren, Bücher, Bälle, Trikots, Fußballstiefel et cetera. Kontakt unter Tel. 553 18 96 oder per E-Mail stahlpress@aol.com

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here