Das Corona-Virus. Foto: Wikimedia/CDC/ Alissa Eckert, Dan Higgins

Olaf Zimmermann, Hamburg. Hamburg kehrt weitgehend zum regulären Schulbetrieb zurück. Ein wichtiger Schritt, beim Fernunterricht waren viele Schüler nicht erreichbar. Die Bildungsschere ging immer weiter auseinder. Trotzdem wirft die geplante Rückkehr zum gewohnten Schulunterricht viele Fragen auf. Im Wochenblatt-Interview nimmt Schulsenator Ties Rabe (SPD) Stellung.

Schulsenator Ties Rabe. Foto: BSB

Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt zum Schutz vor Corona die Einhaltung der AHA-Regeln: Abstand wahren, auf Hygiene achten und – da wo geboten – eine Alltagsmaske tragen. In Schulen, gerade auch in Grundschulen, können diese Regeln nicht eingehalten werden. Warum ist unter diesen Bedingungen regulärer Unterricht möglich?
Ties Rabe: In Hamburgs Schulen werden die AHA-Regeln dort, wo es geboten ist, selbstverständlich eingehalten. Die Schülerinnen und Schüler sowie alle Beschäftigten an den Schulen müssen umfangreiche Hygieneregeln einhalten, alle Beteiligten haben die Pflicht, eine Mund-Nasen-Bedeckung (Maske) zu tragen und die Mindestabstände einzuhalten.
Abweichungen davon sind in Übereinstimmung mit dem Robert-Koch-Institut nur dort dort zulässig, wo es geboten ist. Grundlage solcher Ausnahmen ist eine seriöse Abwägung zwischen dem Gesundheitsschutz auf der einen Seite und den Risiken für Kinder und Jugendliche auf der anderen Seite, durch Schulschließungen oder eingeschränkten Unterricht dauerhaft in ihrer geistigen, sozialen, psychischen und schulischen Entwicklung Schaden zu nehmen.
Hamburg orientiert sich bei seinen Ausnahmeregelungen an den Empfehlungen der Kultusminis-terkonferenz sowie zahlreicher medizinischen Gesellschaften wie beispielsweise der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie oder der Deutschen Akademie für Kinder und Jugendmedizin.
Demnach sind Kinder unter zehn Jahren von der Corona-Pandemie kaum betroffen, so dass zur Sicherstellung des Unterrichts für diese Altersgruppe in der Schule die Maskenpflicht und die Abstandsregel generell aufgehoben wird. Darüber hinaus ist die Maskenpflicht und die Abstandsregel generell in allen Unterrichtsstunden aufgehoben, um den Unterricht im Klassenverband zu ermöglichen.
Der Unterricht in Musik, Theater, Sport und Schwimmen bleibt trotzdem eingeschränkt. Außerhalb des Unterrichts – zum Beispiel in den Pausen, beim Mittagessen, auf den schulischen Wegen – gelten die Abstandsregeln und die Maskenpflicht. Um den Infektionsschutz zu vergrößern, dürfen nur Schülerinnen und Schüler aus der gleichen Jahrgangsstufe zusammen lernen.

Das Corona-Virus wird nach Angaben des RKI hauptsächlich durch Aerosole, die beim Atmen, Husten, Sprechen und Niesen entstehen, übertragen. Experten wie Prof. Martin Kriegel (TU Berlin) warnen, dass in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen – wie Klassenräumen – schnell eine gefährliche Viren-Konzentration erreicht werden kann. Wenn dann auch die AHA-Regeln nicht eingehalten werden, kann ein Infizierter in kurzer Zeit zum „Superspreader“ (Superanstecker) werden. Wie wollen Sie dieses Risiko verringern?
Auch hier orientiert sich die Schulbehörde an den Empfehlungen der medizinischen Fachverbände. Um eine Aerosol-Konzentration zu vermeiden, sollen die Unterrichtsräume mindestens nach jeder Schulstunde ausführlich gelüftet werden. Der Vergleich mit den Superspreadern ist allerdings unangemessen. Bei Kindern und Jugendlichen verläuft die Infektion deutlich milder als bei Erwachsenen: Sie infizieren sich seltener, die Krankheit verläuft bei ihnen sehr milde, wird in der Regel nicht einmal bemerkt, zudem gibt es viele Hinweise, dass Kinder und Jugendliche die Krankheit kaum weitergeben. Unter Kindern und Jugendlichen konnte bislang kein einziger Superspreader entdeckt werden. Deshalb muss man für Kinder und Jugendliche nicht zu 100 Prozent die gleichen Regeln anwenden wie für Erwachsene.

Einmal im Klassenraum kurz die Fenster abkippen wird nicht reichen, um eine mögliche Virenbelastung zu reduzieren. Gibt es Vorgaben, wie gelüftet werden muss? Ist es möglich, eine Schulstunde zu verkürzen, um länger zu lüften? Auch im Winter, wenn es kalt ist? Die Schulbehörde hat in Übereinstimmung mit Fachleuten eine Stoßlüftung mindestens nach jeder Unterrichtsstunde vorgeschrieben. Bei vollen Klassen und kleinen Klassenräumen soll eine weitere Lüftung in der Mitte der Unterrichtsstunde erfolgen.

Wie wird Mittagessen in den Schulen organisiert? Ist die Vor-Corona-Lösung „Mehrere Hundert Kinder gemeinsam in einem Raum, ohne Masken, dicht an dicht“ noch möglich? Das Mittagessen orientiert sich an den Regeln für den Besuch öffentlicher Restaurants: Beim Betreten und auf den Wegen durch die Kantine müssen alle Beteiligten ab Klasse fünf eine Maske tragen und den Mindestabstand einhalten. Beim Essen können die Schülerinnen und Schüler die Maske abnehmen und mit Schülerinnen und Schülern aus der gleichen Klassenstufe auch näher zusammensitzen. Zu Schülerinnen und Schülern anderer Klassenstufen ist auch beim Essen der Mindestabstand einzuhalten.

Wie kann das Ziel, Kontakte zwischen Schülern unterschiedlicher Jahrgangsstufen zu minimieren, in der Nachmittagsbetreuung umgesetzt werden? Das Kursangebot am Nachmittag muss künftig so gestaltet werden, dass nur Schülerinnen und Schüler aus der gleichen Klassenstufe in einem Kurs näher zusammensitzen sitzen dürfen. In jahrgangsübergreifenden Kursen muss der Mindestabstand eingehalten werden.

Kann ein Schüler, wenn er möchte, eine Maske (Mund-Nasen-Schutz) tragen oder ist dies generell untersagt? In Hamburg besteht für alle Schülerinnen und Schüler die Pflicht, in der Schule außerhalb des Unterrichts eine Maske zu tragen. Ausgenommen davon sind lediglich die Grundschülerinnen und Grundschüler, weil sie nachweislich durch Corona kaum gefährdet sind. Lehrkräfte können auch im Unterricht Visiere oder im Ausnahmefall auch Masken tragen. Die Schulbehörde stellt allen Beschäftigten entsprechende Visiere zur Verfügung.

Gibt es einen „Plan B“ für den Fall, dass die Corona-Infektionszahlen wieder steigen?
Es gibt einen Plan B und sogar einen Plan C. Plan B tritt in Kraft, wenn die Infektionszahl in Hamburg über 25 pro Woche und 100.000 Einwohnern steigt. Neben zahlreichen veränderten Einzelregelungen müssen dann feste und unveränderliche Klassen gebildet werden, in denen die Schüler ausschließlich lernen dürfen. Wechselnde Kurse sind verboten, wenn dort der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. In den Pausen gilt für alle ausnahmslos das Abstandsgebot, zudem sind in den Pausen die Kinder verschiedener Schulklassen strikt zu trennen.
Plan C tritt in Kraft, wenn die Infektionszahl in Hamburg über 50 pro Woche und 100.000 Einwohnern steigt. Dann müssen alle Schülerinnen und Schüler zusätzlich zu den Regelungen von Plan B lückenlos – also auch in allen Unterrichtsangeboten – immer den Mindestabstand einhalten, selbst dann, wenn sie aus derselben Klasse kommen. Das bedeutet allerdings, dass die Klassen dann wieder in jeweils zwei kleine Lerngruppen geteilt und diese Lerngruppen dann abwechselnd in der Schule und zu Hause unterrichtet werden. Plan C bedeutet also, dass die Hälfte der Schulzeit zu Hause gelernt werden muss.

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