Currywurst in Pappschale – sieht nicht toll aus, schmeckt aber. Foto: wikimedia/Sumit Surai
Anzeige


Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Spieß ist ein sehr guter Name für jemanden, der einen Imbiss hat. Es ist ein sprechender Name. Man wird aber nicht Besitzer einer Imbissbude, wenn alles gut gelaufen ist im Leben. Auch bei Frank ist das so. Gerne wäre er Erzieher geworden. Doch Schule war nicht seins. Zehn Jahre arbeitete er als Maurer. Später auch als Polier. Die Arbeit auf dem Bau war extrem hart. Doch gemeckert hat er nie. Irgendwann machten seine Knie nicht mehr mit. Meniskus kaputt, Knorpel weg. Da dachte er: Du musst jetzt was anderes machen, sonst gehst du völlig in Arsch.

Frank sagt: „Currywurst verkaufen kann jeder. Wichtig ist doch aber, wie man mit den Leuten umgeht. Man muss ehrlich sein.“ Und selbst denen, die bloß bestellen, essen und gar nichts sagen, versucht er immer noch ein Lächeln zu entlocken. Denn wenn er sieht, was die Kassiererinnen und Kassierer in den Supermärkten leisten müssen, um überhaupt mal ein nettes Wort zu bekommen, dann ist er heilfroh, hier in seiner Bude zu stehen.

„Und wenn ich ab und zu mal in Urlaub fahren kann, zur Belohnung, dann langt mir das. Ich gehe immer noch jeden Tag mit Spaß zur Arbeit. Auch weil ich mein eigener Chef bin“, sagt Frank. „Ich lebe das hier total. Ich bin die Bude.“ So etwas sagen zu können, so eine Bilanz ziehen zu können, nachdem nicht alles gut gelaufen ist im Leben, wäre jedem nur zu wünschen.

Einmal, vor ein paar Jahren, wollte Westernhagen Wurst. Frank erkannte den Superstar gar nicht. Er machte eine Curry mit Fritten und fertig. Erst später, als man ihm erzählte, dass da gerade Marius Müller-Westernhagen etwas bestellt hatte, dämmerte es auch ihm. Weshalb war der wohl hier?

Auch Wochen später noch grübelten die Leute. Frank selber kannte nur Grönemeyer, weil der mal was über Currywurst gesungen hatte: Scharf is die Wurst, Mensch dat gibt `n Durst und so weiter. Frank verstand auch die ganze Aufregung nicht und sagte bloß: „Leute, jetzt beruhigt euch doch. Der Westernhagen ist doch auch nur ein Mensch. Der muss doch auch mal was essen.“

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here