Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg in ihrem Amtszimmer im Altonaer Rathaus. Foto: Bezirksamt Altona
Anzeige


Altonas grüne Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg im Interview zu Flottbeker Markt, Waitzstraße und Elbchaussee

Frau von Berg, haben Sie sich eine Meinung zu der Idee gebildet, den Flottbeker Markt zu bebauen und auf die Fläche der Regenrückhaltebe-cken am benachbarten Flottbeker Marktweg zu verlegen?
Stefanie von Berg: Es sind ja erstmal nur Ideen. Es gibt weiterhin einen hohen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in allen Stadtteilen. Die städtebauliche Entwicklung der Magistralen, zu denen die B431 gehört (die Hauptverkehrsstraßen, also auch die Osdorfer Landstraße, Anm. d.Red.), haben wir in Altona nicht nur erfunden, sondern deren Umsetzung im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen im Rahmen der Wohnungsbaupolitik auch als Ziel festgelegt. Vor diesem Hintergrund ist der Markt zumindest ein Gebiet, das man sich anschauen muss. Jetzt ist es so, dass wir zunächst von den Fachbehörden Einschätzungen zu den Umweltbelangen angefordert haben. Da sind berechtigte Fragen zu klären. Wir müssen gucken, ob das Gelände wirklich geeignet ist. Wenn wir eine positive Stellungnahme bekommen sollten, werden wir gemeinsam mit der Bevölkerung überlegen, ob und wie wir das entwickeln können.

In den 1980er-Jahren sah man von den Regenrückhaltebecken noch den Beton. Jetzt sieht es dort sehr grün aus. Es ist in Flottbek nicht populär, das wieder zu ändern.
Das ist richtig, aber ohne unpopuläre Entscheidungen werden wir unser Ziel, die Stadt für alle bewohnbar und bezahlbar zu gestalten, nicht erreichen. Und noch einmal: Das ist nur eine Idee. Ob diese Idee in eine konkrete Planung unter Einbeziehung aller Interessenvertreter und -vertreterinnen mündet, das wird sich finden. Es wäre aber eine gute Gelegenheit. Weil wir in dieser Stadt massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum haben. Und wir schaffen hier in Altona die notwendigen Sollzahlen für neue Wohnungen nicht, weil wir kaum noch geeignete Baugrundstücke haben. Das ausgewiesene Biotop südlich der fraglichen Fläche bleibt völlig unangetastet. Das ehemalige Regenrückhaltebecken steht nicht unter Schutz und ist vom Bewuchs her nicht vergleichbar mit dem südlichen Biotop. Es wäre möglich, den Flottbeker Markt dort mit zusätzlichen Bäumen auch zum Schutz der Nachbarschaft so anzulegen, dass sich gar nicht viel verändern wird. Und auch die Oberfläche könnte man mit Rasengittersteinen oder dergleichen unversiegelt herstellen. Aber das sind derzeit eben alles nur erste Ideen.

Viele stört, dass erst durch eine Anfrage des SPD-Bezirksabgeordneten Andreas Bernau bekannt wurde, dass ein Investor seit 2018 auf der bisherigen Marktfläche Wohnungen bauen möchte.
Dahinter steht die Frage des angemessenen Zeitpunkts zur Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Rein formal müssen wir das erst mit dem Einleitungsbeschluss des meist mehrjährigen Bebauungsplanverfahrens. Diesen Beschluss gibt es hier nicht. Es gibt auch keinen Bauantrag. Meine Verwaltung und ich sitzen fast täglich mit einem Investor zusammen, der Ideen hat und Voraussetzungen zur Entwicklung einer Fläche klären möchte. Es würde Unruhe ohne konkrete Grundlagen erzeugen, wenn wir jede unverbindliche Idee sofort in der Öffentlichkeit bringen würden, weil vieles gar nicht umsetzbar ist oder sich Interessenten oftmals auch wieder zurückziehen. Was man den Investoren nur wirklich ins Stammbuch schreiben kann und muss, ist: Wenn ihr Ideen habt, ist es unklug, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, bevor das ein richtiger Plan werden kann. Eine Idee läuft Gefahr zu verbrennen, wenn sie nach draußen dringt, ohne dass die grundsätzliche Machbarkeit geklärt ist und damit konkrete Absichten präsentiert und zur Diskussion gestellt werden können. Das ist schade und kontraproduktiv. Gibt es konkrete Pläne, heißt es: Bürgerbeteiligung richtig angehen! Allen sollte dabei klar sein: Wer hier in dieser Stadt wohnt, muss sich damit abfinden, dass es Veränderungen geben wird. Wir werden Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen keine Wohnungen mehr anbieten können, wenn wir alles unangetastet lassen. Die Haltung „Das war schon immer so und bleibt auch so“ funktioniert nicht. Wenn wir Stadtentwicklung betreiben, müssen wir den Stadtraum gut und effizient aufteilen. Das erfordert Nachverdichtung und Veränderung, verlangt aber auch Oasen der Ruhe und Entspannung mit ausreichend Grün. Das in Einklang zu bringen ist große Kunst, die nur gemeinsam gelingt.

Gehen wir etwas nach Süden: Was wird in der Waitzstraße passieren, um die Unfälle zu stoppen, bei denen bereits 23 Autos in Schaufenster fuhren?
Dort wird übergangsweise kurzfristig Längsparken angeordnet, damit Unfälle vermieden werden. Am vergangenen Mittwoch war ich dort, am Donnerstag ist wieder ein Unfall passiert. Damit wir wieder zum Schrägparken zurückkommen können, werden Vollstahlstelen in den Boden eingelassen. Diese Ausschreibung läuft mit einer verkürzten Ausschreibungsfrist, damit wir vor dem Weihnachtsgeschäft damit fertig sind.

Warum haben die bisherigen Schutzmaßnahmen nicht alle Unfälle verhindern können?
Die Vorrichtungen, die jetzt schon dort sind, bieten einen Anfahrschutz. Dadurch sind einige Unfälle verhindert worden. Sie halten es aber nicht aus, wenn jemand mit voller Wucht dagegen fährt.

Was passiert genau?
Was die Polizei sagt: Senioren wollen mit ihrem mehr oder weniger hoch motorisierten Fahrzeug rückwärts fahren, haben aber den Vorwärtsgang drin und merken es leider nicht. Merken, es geht nicht voran und geben mehr Gas. Und da sie nach Gehör fahren, aber leider schwerhörig sind, geben sie volle Pulle Gas und sausen mitsamt Stadtmöbeln und allem Drum und Dran in die Schaufenster. Und das halten die Vorrichtungen jetzt nicht aus. Niemand hat offenbar mit der Wucht gerechnet, mit der die Unfallfahrzeuge nach vorn setzen. Daraus kann man nur lernen. Es haben sich damals alle für die bisherigen Maßnahmen ausgesprochen und jetzt wird es um diese Vollstahlstelen ergänzt, damit es wirklich sicher ist.

In der Waitzstraße weiß man hinterher mehr. An der Elbchaussee ist es noch nicht zum Baubeginn gekommen, weil man im Bezirk überhaupt nicht mit der bisherigen Planung zufrieden ist.
Die Elbchaussee ist keine Bezirksstraße, das liegt also nicht in unserem Einflussbereich, sondern bei der Verkehrsbehörde. Wenn man das so hinkriegen wollte, dass allen Verkehrsteilnehmern in beide Richtungen jeweils eine Fahrspur zur Verfügung steht, bräuchte man dafür eine ganze Menge öffentlichen und auch privaten Raum. Das wird nicht gehen. Was auch nicht gehen wird: Dass Radfahrende einen Umweg fahren müssen, damit Autofahrende die Elbchaussee exklusiv nutzen können. Wir brauchen also eine Planung, die gegenseitige Rücksicht erfordert und wahrscheinlich auch verstärkt Geschwindigkeitsbegrenzungen. Dafür müssen Gefahrenstellen identifiziert und Maßnahmen zur Entschärfung entwickelt werden. Aufgrund des begrenzten Verkehrsraums werden nicht alle eine eigene Spur bekommen können. Ich setze deshalb darauf, dass insbesondere die Autofahrenden Radverkehr auch auf der Elbchaussee als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer ansehen und nicht als lästige Hindernisse, die ihre Fahrspur blockieren.

2 KOMMENTARE

  1. Sehr geehrte Frau Dr. von Berg,

    Ihre Antworten im Interview mit dem Elbe-Wochenblatt (https://www.elbe-wochenblatt.de/2020/08/04/die-haltung-das-war-schon-immer-so-und-bleibt-auch-so-funktioniert-nicht/) in Bezug auf den Flottbeker Markt zeugen von einer Unkenntnis in der Sache und einem sehr seltsamen Demokratieverständnis, das ich einer Politikerin der Grünen nicht zugetraut hätte.

    Sie sagen, dass die städtebauliche Entwicklung der Magistralen im rot-grünen Koalitionsvertrag im Rahmen der Wohnungsbaupolitik als Ziel festgelegt sei. Sie verkürzen dabei die Idee des Magistralenkonzepts. Darin heißt es unter anderem: „Entlang der Magistralen finden sich in Teilräumen immer wieder plötzliche Öffnungen, Sichtbeziehungen und Bereiche mit einem Gefühl von Weite. Gleichzeitig weisen die Magistralen durch Grünelemente, Querungs- und Kreuzungsbereiche einen Charakter als Landschaftsraum auf.“ Und: Lesen Sie nochmal in einem der beiden Konzepte des Bauforums 2019 nach. Für Groß Flottbek werden dort die Stichworte „Green Transition“, „Doppeltes Grün im Straßenraum“, „Zentrales Baumdach“, „Magistrale unter grünem Dach“, „Wochenmarkt – versorge Dich lokal“, „fussläufig“ und „pittoresque“ genannt. Von Wohnungsbau ist gar nicht die Rede. Es geht um Stadtentwicklung, und um „lebendige Quartiere, die die dort lebenden Menschen ins Zentrum der Entwicklung stellen“. Letzteres ist ein Zitat aus – und ein Ziel im Koalitionsvertrag. Da Sie diesen offenbar als Richtschnur für Ihr Handeln nehmen, möchte ich Sie daran erinnern, dass dort „der Fortbestand der Wochenmärkte abgesichert“ wird.
    Sie sagen, wenn Sie eine „positive“ Stellungnahme von den Fachbehörden bekommen, wollen Sie „überlegen, ob und wie wir das entwickeln können.“ Nach Ihrem Verständnis sind Auskünfte und Gutachten von Behörden, Fachämtern und Wissenschaftlern, die belegen, dass der Untergrund rund um den Flottbeker Markt zu instabil für eine Bebauung ist, die verhindern könnten, dass Aldi und „Projektentwickler“ mehrstöckige Betonbunker bauen, also “negativ“? Was für ein seltsames grünes Werteverständnis….
    Sie sagen, dass das ehemalige Regenrückhaltebecken, das als Ersatz für den Markt herhalten soll, nicht unter Schutz stehe und man die „Oberfläche mit Rasengittersteinen oder dergleichen unversiegelt herstellen“ könne. Auch dies widerspricht einer wissenschaftlichen Einschätzung in der Biotopkartierung Hamburgs, die dem Flurstück eine „hohe Bedeutung in einem Biotopkomplex, für den lokalen Biotopverbund oder als Puffer“ bescheinigt, und mehrere Pflanzen aufzählt, die auf der „Roten Liste“ bedrohter Arten stehen. Und wie die Wildgänse und Bussarde ihre Nahrung zwischen „Rasengittersteinen“ finden sollen, ist mir zumindest unklar.
    Sie sagen – an die Adresse von „Investoren“ gerichtet – dass es „unklug“ sei, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, „ bevor das ein richtiger Plan werden kann“. „Das ist schade und kontraproduktiv.“ Was ist das für ein Verständnis von Offenheit und Transparenz? Sollen Bebauungspläne still und heimlich im (Behörden)Kämmerlein erarbeitet – und die Bürger dann „rein formal“ beteiligt werden?
    Sie drohen: „Wer hier in dieser Stadt wohnt, muss sich damit abfinden, dass es Veränderungen geben wird.“ Groß Flottbek wird sich in Zukunft gewaltig verändern. Elbtrasse, A7-Deckel und viele weitere geplante Großprojekte werden dafür sorgen. Schon in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurde verdichtet, neu- und ausgebaut. Flottbek hat sich schon immer – auch in den letzten Jahrhunderten – gewaltig verändert. Wie? Das beschreibt Klaus Beplat in seinem Buch „Der letzte Akt im Röbbek Komplott“, das ich Ihnen als Lektüre empfehle. Es ist nur ein schmales Büchlein. Aber Sie erfahren viel – und überdenken danach vielleicht einige Ihrer Einschätzungen über einen der schönsten Stadtteile Hamburgs.

    Freundliche Grüße,

    Jörg Sadrozinski

    für die Initiative „Rettet den Flottbeker Markt“

    Kontakt: info@flottbeker-markt.de
    Internet: flottbeker-markt.de

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here