Harburger Schloßstraße: Wohnen in „schwarzen Dreiecken“. Foto: Ansbert Kneip

Ansbert Kneip mit seinem DJI Mavic Pro. Foto: Folke Havekost

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe unseres Magazins „Binnenhafen live“

Folke Havekost, Harburg. Auch wenn man ihn von oben herab betrachtet, besitzt der Kulturkran im Harburger Binnenhafen seinen ganz eigenen Reiz. „Der Kran bietet bei fast jedem Licht ein schönes Motiv“, erklärt Ansbert Kneip: „Es sind immer Bilder mit der Sonne im Rücken möglich.“
Kneip ist passionierter Drohnenfotograf und steuert seine DJI Mavic Pro auf den Kran zu. Der SPIEGEL-Redakteur im Vorruhestand hat schon Hunderte Fotos vom Binnenhafen-Ensemble geschossen. Oder sollte man sagen: erflogen, angesichts der Technik, die der 58-Jährige einsetzt?
„Die Drohnenfotografie erschließt einem Perspektiven, die man sonst einfach nicht sieht“, sagt Kneip, der 2016 in einen Neubau in der Nähe des Binnenhafens gezogen ist: „Ich habe von oben mitverfolgen können, wie hier Wohngebiete gewachsen sind, von der Baustelleneinrichtung bis zur Fertigstellung.“
Sein Hobby dokumentiert die jüngste Entwicklung des Hafens vom Wirtschaftsplatz zum Wohnort. „Der Lotseplatz wird von Sommer zu Sommer belebter, man merkt, wie dieses Gebiet von den Menschen angenommen wird“, hat Kneip beobachtet: „Und man sieht an den Bildern auch, dass im Binnenhafen immer wieder neue Schiffe liegen. Als Spaziergänger fällt einem das gar nicht so auf.“
Dann zieht er die Drohne nach oben. Bis zu 100 Meter dürfen die Geräte in die Höhe steigen, das ist für gute Fotos aber übertrieben. „Rekorde machen nicht den wirklichen Spaß aus“, sagt Kneip: „Die schönsten Motive entstehen zwischen 15 und 35 Meter Höhe.“ Einige davon hat er auf Leinwand ziehen lassen und aufgehängt.
Seine graue DJI Mavic Pro (ca. 1.000 Euro) wiegt 900 Gramm und ist vor allem für Filmaufnahmen in Ultra-HD besser geeignet als die handliche, 249 Gramm leichte DJI Mavic Mini (400 Euro), die er ebenfalls im Gepäck hat. Bevor er loslegt, prüft Kneip den Batteriestand und ob das GPS der Fernbedienung den Rückholpunkt erkennt, quasi die Heimatadresse. „Einmal hat eine Drohne diesen Punkt partout nicht gefunden und ihn deshalb konsequent auf den Äquator gelegt“, erzählt er von einem Exemplar, das den Erdkunde-Unterricht offenbar geschwänzt hat. Mag der Harburger Binnenhafen auch wachsen, der Äquator liegt dann doch noch ein bisschen weit weg …

Bei der Drohnenfotografie
lernt man das
räumliche
Denken
Ansbert Kneip
Flugfotograf

Die Mavic Pro weiß zum Glück, wo sie hin soll. Kneip beobachtet, wie der graue Flieger in der Luft liegt. „Ich gucke lieber auf die Drohne als aufs Display“, sagt er und lacht: „Alte Pilotenschule.“ Gerade im Binnenhafen irritiert der hohe Metallgehalt des Bodens, etwa durch Schienenstränge, oft den Kompass des Geräts. Da ist etwas mehr Feinfühligkeit gefordert. Je kleiner die Drohne, desto anfälliger ist sie zudem für den Wind, der beizeiten ordentlich über den Binnenhafen fegt. „Bei der Drohnenfotografie“, resümiert Kneip, „lernt man das räumliche Denken.“
Bis zu seinem Vorruhestand war der zweifache Vater ein Vierteljahrhundert für den SPIEGEL tätig, schrieb über Innenpolitik, verfasste Reportagen aus aller Welt und war zuletzt Chef des Kindernachrichtenmagazins Dein SPIEGEL. Dem Schreiben ist er auch nach seinem Ausscheiden 2016 treu geblieben. Zum einen unterrichtet Kneip Journalismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, zum anderem ist im Juni bei dtv das Buch „Corona – Chronik eines angekündigten Sterbens“ erschienen, das er mit 17 anderen Journalisten verfasst hat – seine Themen waren die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Entwicklung einer Tracing-App.
Zur Drohnenfotografie kam der Autor über seine Leidenschaft für Fluggeräte. Mit einem Indoor-Hubschrauber im Miniaturformat wurde er nicht so recht glücklich. „Der war kompliziert zu fliegen und so windempfindlich, dass man damit nicht einmal in der Garten gehen konnte.“ Als er im Eigenbau eine gerade 15 Gramm schwere Kamera am Hubschrauber befestigte, blieb dieser am Boden kleben. Da kamen die Drohnen, die damals noch Quadrokopter genannt wurden, für ihn gerade richtig.
Kneip ist nicht nur am Binnenhafen unterwegs, wo er im Januar auch die Abfahrt des Flüchtlingsschiffs „Transit“ begleitet hat. Mit Vorliebe fotografiert der gebürtige Duisburger Industrieanlagen, Halden im Ruhrgebiet oder den Containerterminal in Altenwerder. Während des Corona-Lockdowns hat er die menschenleeren Plätze am Jungfernstieg, den Landungsbrücken oder vor der Elbphilharmonie eingefangen – und Harburgs Supermärkte abgeklappert, um Lebensmittel für die hiesige Tafel einzusammeln, die auch während des Lockdowns Essenstüten an Bedürftige verteilt hat.
Inzwischen hat Kneip die kleine Mavic Mini auf 48 Meter Höhe gebracht. Da piept es und auf dem Display erscheint eine Windwarnung. „Sie hat jetzt schon ein bisschen zu kämpfen.“ Dem Einfangen von Motiven schadet das nicht: Der eingebaute Gimbal-Gestell balanciert die Kamera in den Lüften aus und stabilisiert das Bild. So sind im Sportmodus auch Flugkunststücke in rasanter Geschwindigkeit möglich.
Selten passiert ein Missgeschick, eine seiner Drohnen ist in den Harburger Bergen verschollen. Sie hat im Flug vermutlich einen Propeller verloren, vielleicht durch den Wind, vielleicht durch ein kollidierendes Insekt. Der Luftraum ist schließlich bewohnt. „Möwen tun einer Drohne in der Regel nichts, aber Schwalben sind ortsfest und verteidigen ihr Revier“, berichtet Kneip: „Da muss man aufpassen, denn ein Zusammentreffen würde für beide Seiten nicht gut enden.“
Stößt der Flugfotograf auch am Boden auf Hindernisse? „Viele Leute sind erstmal skeptisch und fühlen sich gestört oder belästigt“, schildert Kneip Einwände gegen die junge Technik: „Aber wenn ich ihnen meine Bilder zeige, ändert sich das. Dann sehen sie, dass sie damit nicht ausspioniert werden.“ Auch bei den Profis registriert er eine gewachsene Akzeptanz: „Mittlerweile gibt es viele Fotografen, die Drohnen zur Ergänzung verwenden. Und es gibt kaum noch einen Film, der ohne Drohnenaufnahmen auskommt.“
Dann piepst die Steuerung in Kneips Händen erneut: „Low Battery“ – der Akku macht bald Fofftein. 20 bis 30 Minuten kann eine Drohne fliegen, jetzt muss nachgeladen werden.

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