Ostsee kann auch schön sein: Darßer Weststrand in Vorpommern (Steilküste nahe Ahrenshoop). Foto: nikater/wikimedia
Anzeige


Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Es wurde ja viel über die Ostsee gesprochen in den letzten Tagen: Tagestouristen-Ansturm in Corona-Zeiten – ich denke, Sie wissen schon. Grund genug, heute mal über die Ostsee zu schreiben. Schließlich gibt es auch im Jahr 2020 immer noch Menschen, die ernsthaft glauben, dass all die Dinge, die sie ins Meer schmeißen, dann weg sind. Aus den Augen, aus dem Sinn – viel dümmer geht es kaum.

Und es ist nicht übertrieben, die Ostsee die größte Müllkippe Europas zu nennen. Wer wissen will, wie dumm wir Menschen wirklich sind, braucht bloß nach einem Herbststurm an einen x-beliebigen Strand im Baltikum gehen. Die Phantasie wird nicht reichen, um sich auszumalen, was da alles im Sand steckt: Neonröhren, Duschhauben, Regenschirmgriffe. Klobürsten, Glühbirnen, Zahnprothesen. Lkw-Reifen, Kühlschränke, Bürostühle. Wäre die Ostsee ein Mensch, sie müsste den ganzen Tag schreien.

Immerhin: Der Ostsee geht es besser als noch Mitte der 70er, als sie als das schmutzigste Meer der Welt galt. Schwedische Metallhütten, polnische Stahlwerke, russische Müllkippen, finnische Papierfabriken, lettische Pharmafirmen oder deutsche Kläranlagen entsorgten damals fleißig in das geschlossene Randmeer. Selbst Städte wie Kopenhagen, Lübeck oder Kiel verklappten noch bis weit in die Achtziger ihre ungeklärten Haushaltsabwässer gleich vor der Tür. Im Sommer wurde dann gebadet.

Bis heute hat sich an diesem Denken nicht allzu viel geändert. Seeleute und Fischer, Segler, Strandurlauber und achtlose Fährtouristen machen weiter und werfen alles über Bord. Im Meer gehört der Müll dann allen.

Eine Zeitung hat sich im Meerwasser nach etwa sechs Wochen aufgelöst. Eine Zigarettenkippe braucht ein bis fünf Jahre. Eine Plastikflasche 450 Jahre. Schätzt man. Das Plastik ist allerdings nie ganz weg. Es wird nur kleiner. Und wer erinnert sich an dieser Stelle nicht an die rituelle Taufe unseres Zeitalters: das Bällebad! Wer jemals von seinen Eltern in der Spielecke eines Schnellrestaurants oder im Småland eines Möbelhauses geparkt wurde, der kennt das Becken voller bunter Kugeln, der wird das Planschen in Plastik – heute wie damals – niemals vergessen.

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here